Auf’m Land, in Berlin

Serie Ungewöhnliche Orte – Bauernhöfe in der Großstadt? Berlin? Man mag denken, so etwas gibt’s nicht. Gibt es doch. Wir haben zwei Stück für Sie angesehen. Eine Reportage

Die Ziege liegt oben. Oben auf einer Steinplatte, darunter halten aufeinander gestapelte Autoreifen den Podest im Gehege. Zum Runterkommen kann sie eine kleine Plastikrutsche nehmen, oder springen. Man weiß es nicht. Derzeit liegt sie seitlich auf ihrem weiß-braunem Fell und putzt sich leckend am Beim über einem Huf. Der Ziegenbock mit langem Bärtchen und breiten Hörnern meckert unten am Gehegerand vor sich hin (19. März).

Sie ist Teil der Alten Fasanerie in Lübars, einem der wenigen Bauernhöfe in Berlin. Lübars ist der nördlichste Ortsteil von Reinickendorf, Berliner Nordwesten. Die Alte Fasanerie ist nicht wirklich alt. Sie wurde nach der Wende von Tierbegeisterten gegründet und mit der Zeit immer mehr ausgebaut. Heute gibt es hier Hühner, Enten, Gänse, Schafe, Ziegen, Schweine, ein Pferd, ein Pony. 24 Tierarten insgesamt. Dazu Äcker in der Umgebung, einen Gemüsegarten und einen gepflasterten Hof mit einem Bauernhaus-Komplex aus Holz und Stein.

Die Alte Fasanerie nennt sich nebenher zusätzlich Familienfarm Lübars und hat verschiedenste Wege eingeschlagen, um die Einnahmen des Hofes zu erhöhen. So liegt direkt auf dem Hof eine Kita, eine Hofschule über das Leben auf dem Bauernhof für Kinder, ein Hofladen, ein eigenes Restaurant, sogar ein Lehmofen. Ihr Träger ist der Elisabethstift im Diakonischen Werk, einer Einrichtung der Jugendhilfe. Für Kinder gibt es hier auch viele pädagogische Angebote, so zum Beispiel tiergestützte Therapien. An vielen Stellen auf dem Hof wird um Spenden geworben, beispielsweise für Tieroperationen. Nicht zu vergessen die eindringliche Bitte an Besucher, von den Gemüsebeeten nichts unbezahlt mitzunehmen (Diebstahl!) und die überall präsenten Hinweise, die Tiere an den frei zugänglichen Gehegen nicht zu füttern: „Im Schnitt stirbt jeden Monat ein Tier auf der Farm durch Überfütterung!“ Leicht wirkt das Wirtschaften als Bauernhof hier nicht.

In Sichtweite: Hochhäuser

Dafür wirkt der Bauernhof wunderbar in der Umgebung. Bereits wenige hundert Meter in Richtung Straße, und schon beginnt das Märkische Viertel. In dem großflächigen Siedlungsareal stehen unzählige Hochhäuser, häufig als Plattenbauten. Der Bauernhof ist ein starker Kontrast dagegen.

Natur zum Erleben für GroßstädterInnen denen der Bezug zu dieser vielleicht manchmal abhanden kommt. Spätestens dann, wenn im Tierheim mal wieder ein heruntergekommenes Nutztier (Schwein, Ziege, Pony aus dem Garten) abgegeben wird, da jemand die artgerechte Haltung nicht kannte. Hier können BerlinerInnen Landleben kennenlernen, ohne dass sie die Stadt verlassen. Beieinander über den Hof watschelnde Gänse zu beobachten ist zudem lustig – Schild: „Bitte nicht die Gänse jagen!“ Sie sollen sich ohne Stress auf dem Hof bewegen können – und erholsam. In dem kleinen Teil des Teichs, der nicht mit einer Eisschicht bedeckt ist, schwimmen eine große Ente, drei weiße Gänse und mehrere kleine Enten unterschiedler Farbe. Alle fischen nach Nahrung. Nur die große Ente in der Mitte ruht. Hat wohl schon gegessen.

Der Hof ist Teil des Naturschutzgebiets Lübarser Felder, gut 110 Hektar groß. In Berlin gibt es mehrere solcher Gebiete. In zweien liegen Bauernhöfe. Höfe, die am ehesten dem üblichen Bild eines Bauernhofs entsprechen mit Bauernhaus, vielen Tieren, Ackerfläche und selbstständigem Wirtschaftsbetrieb.

Daneben liegen über die Stadt verteilt eine Reihe von Kinderbauernhöfen. Sie sind kleiner, haben meistens Tiere zum Streicheln und viele Spiele und Bildungsangebote für Kinder. Ihr Träger ist in der Regel ein Verein. Konkret sind das der Tierhof Alt-Marzahn, der Charlottenburger Ziegenhof, der Kinderbunte Bauernhof in Mitte, die Jugendfarm Moritzhof, der Kinderbauernhof Pinke Panke in Pankow und der am Mauerpark im Ortsteil Prenzlauer Berg. Die Domäne Dahlem in Steglitz-Zehlendorf ist eine Mischung aus beidem: Landwirtschafts- und Freizeitbetrieb.

Hinter dem Eierwagen

Der BVG-Bus: „334 verkehrt als RufBus. Einstieg an den Haltestellen nur nach telefonischer Anmeldung mind. 30 Minuten vor der gewünschten Abfahrt.“ Wie jetzt, bitte? Ja, dit is noch Berlin. Zum anderen großen Bauernhof, für Berliner Verhältnisse, geht es entweder kilometerweit zu Fuß, Rad, per Auto oder eben RufBus.

Auf der hektargroßen Weide des hinter dem Eierwagen der Wegkreuzung zum Vierfelderhof geht es gleich lebendig zu: Über 20 Schafe und Ziegen weiden hier vom noch spärlichen Frühjahrsgrün. Die Ziegen haben sich an der einzigen Erhöhung der Weide versammelt, einem auseinander gerupftem Heuballen. Ein Schaf steht abseits, dicht gefolgt von seinem kleinen Lamm. Der Vierfelderhof ist Teil des Naturschutzgebiets Gatower Feldflur in Spandau. Diese ist: „einer der letzten in sich geschlossenen, großflächigen zusammenhängenden Ackerbaubereiche in Berlin“, informiert ein Schaukasten.

Ein roter Mähdrescher parkt vor der Scheune unter einem Vordach. Gleich daneben hängt ein bereits fertiger großer Strohkranz für das Maifest auf dem Hof. Viele Veranstaltungen für Familien gibt es hier: Ostereier-Werkstatt, „Große Eiersuche“, Figurentheater, Pfingstfest, Kinderfest, Sommerfest. Einige Meter neben der Scheune futtert eine braune breite Kuh vom Heuwagen, lässt sich kaum unterbrechen. Die schwarze schmale Kuh daneben streckt sogar ihr Hinterteil Richtung Besucherabsperrung. Alles entspannt hier. Über den Weide- und Ackerflächen steigt leichter Dunst nach oben und macht das Sonnenlicht weich. Eine Ruhe, die in Berlin ungewöhnlich ist.

Ein kleines Schwein läuft aus der geöffneten Stalltür zum Holzzaun und schaut sich unschlüssig um. Kurz darauf kommen nach und nach alle anderen schwarz-rosafarbenen Schweinchen auch aus dem Stall und versammeln sich vor der Tränke am Besucherzaun. Lecker, flüssiger Schlamm auf dem Boden! Die Schweinchen ziehen ihre Rüssel durch die Pampe, und, trinken? Sieht so aus. Wohl bekommt’s.

Artikelfoto: Der Vierfelderhof in Reinickendorf ist der größte unter Berlins Bauernhöfen; Fotos: Tust

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