Chamäleon-Theater: Acht Lieder als Ehrerbietung für den Rock’n Roll

Foto: Alice Allart

Nicht nur die Fans des elektrisierenden Contemporary Circus, sondern auch die der richtungweisenden Rock- und Popmusik dürften dem anstehenden Termin entgegenfiebern. Der Grund dafür: Die Londoner Kompanie Gandini Juggling bringt in Kürze mit ihrer gefeierten Performance 8 SONGS – A TRIBUTE TO ROCK’N ROLL das CHAMÄLEON Theater zum Rotieren. Vom 11. bis 14. November 2019 legen die Pioniere der zeitgenössischen Jonglage damit auch in Berlin einen Stopp auf ihrer großen Gastspiel-Tournee quer durch Europa und die USA ein.

Die im CHAMÄLEON Theater an vier aufeinanderfolgenden Tagen gezeigte Produktion unter der Regie von Sean Gandini und Co-Spielleiterin Kati Yla-Hokkala ist eine deutsche Erstaufführung.

Mit 8 SONGS – A TRIBUTE TO ROCK’N ROLL kehrt die Kompanie Gandini Juggling zu ihren Wurzeln, dem Straßentheater, zurück. Das Ergebnis dieser Rückbesinnung auf prägende Erfahrungen und alte Stärken ist ein durchweg rebellischer und surrealer, aber dennoch sexy und raffiniert ausstaffierter Rock’n Roll Circus 2.0. Virtuose Jonglage-Acts werden hier zu acht eindrucksvoll choreographierten Bilderwelten verwoben, die sich aus ausgewählten Meilensteinen der Popgeschichte zusammensetzen.

Zirkus und Popmusik – eine Verbindung mit Geschichte

Die gegenseitige Anziehungskraft von Zirkus und Popmusik hat eine lange Tradition. Ein Indiz dafür mag sein, dass für uns Begriffe wie „Rock- oder Popzirkus“ längst zu geflügelten Worten geworden sind. Kaum ein Musikjournalist, der sie nicht schon einmal im Kontext seiner Rezensionen verwendet hätte.

Aber auch die Stars der Rock- und Popmusik haben sich damals wie heute von der einzigartigen Magie des Zirkus inspirieren lassen: Wer sich durch die Playlists der Musikdekaden hört, der stößt unweigerlich auf eine Vielzahl höchst unterschiedlicher Interpreten, die ihm ihre Referenz erwiesen haben: Darunter die Beatles, Smokey Robinson & The Miracles, David Bowie, Tom Waits, Britney Spears, sogar Massive Attack.

Eine besondere Leidenschaft für den Zirkus wird Bob Dylan zugeschrieben. Schon als Kind sei dieser gerne in den Zirkus gegangen, weil ihn die Maskeraden und wechselnden Rollen der Artisten so fasziniert haben. Ob Legende oder nicht – im Jahr 1975 machte er sich jedenfalls selbst zum Zirkusdirektor eines bunten musikalischen Wanderzirkus der in die Annalen der Popmusikgeschichte eingehen sollte: Die Rolling Thunder-Revue. Mit weißgekalktem Gesicht, sprießendem Blumenhut und einer Schaar getreuer Weggefährten wie Joan Baez, Joni Mitchel oder Mick Ronson tingelte die wild zusammengewürfelte Truppe hochkarätiger Eigenbrötler durch die Turnhallen und Gemeindesäle Neu-Englands. Gespielt wurde vor höflich lauschenden Senioren und der rotzigen Dorfjungend mit großen Pickeln auf der Stirn. Je nachdem, wonach einem gerade war. Und es war viel.

Nicht weniger mythenumrankt ist ein andere Zirkusreminiszenz der popmusikalischen Superlative: Nämlich das Rolling Stones Album Rock and Roll Circus samt dazugehöriger Filmaufnahmen. Ausgeheckt im wabernden Dro- gennebel Londons von 1968 war von den Stones eine TV-Zirkusschau im Vintage-Look. Zu diesem Zweck ver- wandelte man ein schnödes Fernsehstudio in eine veritable Manege. Artisten und Zirkustiere wurden zwecks stimmiger Atmosphäre hinzugebucht. Und last but not least Musiker aus dem Freundeskreis um Mitwirkung gebeten. Und der nahm die Einladung gerne an. Mit von der Partie: John Lennon und Yoko Ono, The Who, Mari- anne Faithfull, Tai Mahal, Eric Clapton und Jethro Tull. Um nur einige zu nennen. Das Ergebnis dieser denkwür- digen Zirkus-Session fiel allerdings nicht ganz so aus, wie es sich die Stones vorgestellt hatten. Die Aufnahmen wurden daher erst später veröffentlicht. 28 Jahre um genau zu sein!

Diese und viele weitere Geschichten von weißen Clowns auf Monster-Covern, drallen Pop-Diven in viel zu engen Dompteur-Uniformen oder honorigen Zirkusdirektoren mit kurzem Draht zu AC/DC könnten ganze Bücherregale rund um das Thema Zirkus und Popmusik füllen.

Frische Impulse durch Gandinis Jonglieren

Mit 8 SONGS – A TRIBUTE TO ROCK’N ROLL von Gandini Juggling bekommt das Ganze nun einen kräftigen neuen Drehimpuls. Zum einen, weil hier die Mythen der Popmusik mit den Mitteln des Contemporary Circus neu verhandelt werden. Zum anderen, weil die beiden Regisseure dank intensiver Beschäftigung mit dem komplexen Beziehungsgefüge samt anschließender Selbstverortung einen durchaus subversiven Weg beschreiten: Gewagt wird hier durch das Momentum der künstlerischen Interpretation ein Befreiungsversuch der Rock- und Pop- musik aus ihrer genrespezifischen Umklammerung.

Das Ziel: die Re-Destillation von purem Rock‘ Roll! Hierfür entschlacken die Performer die Songs unserer Jugend von den sie umgebenen Konsum- und Vertriebsmechanismen. Hinterfragen und dekonstruieren die ihnen seit ihrer Komposition zugeschriebenen Kommunikationsregeln. Auf diese Weise eröffnen sich bislang ungeahnte Perspektiven auf unsere scheinbar so vertrauten Lieb- lingssongs. Doch aufgepasst! Während wir nach so viel Erkenntnis euphorisch zum Takt von Sympathy For the Devil headbangen, hat uns die Kompanie Gandini Juggling auch schon längst die unbestreitbaren Vorzüge des Rock‘n Rolls bei der Unterstützung von Jonglage-Performances untergejubelt.

Bildnachweis: ©Alice Allart/Chamäleon

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