Ein Streifzug durch das Afrikanische Viertel

Das Viertel liegt im Nordwesten Berlins im Bezirk Mitte im Ortsteil Wedding. Seine Grenzen sind die Müllerstraße im Nordosten, die Seestraße im Südosten, der Volkspark Rehberge fließend im Südwesten und der Kurt-Schumacher-Platz im Nordwesten.

Katharina Stein* streicht einen in Farbe getauchten Holzpinsel immer und immer wieder langsam und ruhig über eine kleine, auf einen Holzrahmen gespannte Leinwand. Die etwa 50-jährige Ölmalerin sitzt bei leicht geöffneter Tür in ihrem parterrenen Kunstgeschäft in der Kameruner Straße. Im Schaufenster hängen einige klein bis mittelgroße Ölgemälde aus. Der Großteil hängt dahinter, von außen nicht einsehbar. Ab und zu kommt jemand vorbei und schaut ihr zu. Für alle ihrer Bilder müsse sie erst den Weg finden, um sie fertigzumalen (30. März). Der sei zu Beginn offen.

Das Viertel liegt wenige Kilometer entfernt vom Flughafen Tegel. Tagsüber schallt alle paar Minuten ein landendes oder anfliegendes Linienflugzeug durch die Luft. Sonst ist es in dem Wohnviertel ruhig. Nachts leuchtet Tag für Tag Licht aus den Glücksspielstätten und Spätkaufs nahe der Müllerstraße. Pflanzen beginnen in den Straßen und vor allem im nah gelegenen Volkspark Rehberge zu blühen.

Täuscht die Ruhe auf den Straßen? Katharina Stein lebt seit gut zwei Jahrzehnten hier. In den Straßen mit den unterschiedlichen Baustilen: von Altbau über Gartenlauben, kleine Zweigeschosser, sozialen Wohnungsbau aus den 1920ern und Hochbauten aus den 1960ern. In den Straßen mit dem weitläufigem Platz, den großen Kitas und mehreren Sportplätzen. Dass sich alle Straßennamen auf geografische Orte und Akteure aus Kolonialgeschichte Deutschlands beziehen – damit befasst sich die herzliche Künstlerin im Gespräch lieber nur kurz. Sie lebe gern hier. Wenn sie an die Vergangenheit ihrer Umgebung denke, stelle sie sich Felder und Wald vor, die hier vorher gewesen sein müssen.

Das Viertel sei ja überwiegend noch Erstbebauung, erzählt sie und blickt an ihrem Altbau nach oben. Damals, um die Wende zum 20. Jahrhundert, kam das Afrikanische Viertel als neuer Rand von Berlin dazu. Vorher gab es hier im Deutschen Kaiserreich lediglich zwei militärische Schießstände, einen Friedhof und eine Kaserne in der Nähe. Die Kaserne gibt es noch heute, als Julius-Leber-Kaserne der Bundeswehr.

Geschichte und Gegenwart

Ja, die Ruhe täuscht. Togostraße, Damarastraße, Otawistraße, Sambesistraße, Dualastraße, Kameruner Straße, Kongostraße. Petersallee, Nachtigalplatz, Lüderitzstraße. Laut dem Migrationsrat des Bezirksamts Mitte diente das Afrikanische Viertel der Verherrlichung der deutschen Kolonialherrschaft in Afrika. Fast alle mehr als 20 Straßen in dem Viertel verweisen indes an Kolonialverbrechen. Verbrechen, die deutsche BürgerInnen in der Kolonialzeit an Menschen in den einstigen deutschen Kolonien in Togo, Kamerun, Deutsch-Ostafrika (heute Tansania) und Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) begingen. Sie beraubten, versklavten und töteten massenhaft Menschen aus den Kolonien.

Katharina Stein grüßt einen Mann mittleren Alters, der vor ihrem Schaufenster stehengeblieben ist und eines der handvoll Ölgemälde darin ansieht. Das habe er doch schon mal gesehen. In einer Kochsendung im TV! Wo sie das Motiv denn gefunden habe? Die Malerin erklärt ruhig, dass das Motiv Das Mädchen mit dem Perlenohrenring auf ein weltbekanntes Bild des Malers Vermeer zurückgehe. Der Mann hört ihr noch ein paar Sekunden zu und geht dann weiter.

Was? Das sei ja scheußlich, antwortet die Anwohnerin, als sie vom Ursprung ihres Viertels erfährt. Von der bereits von dem Zoologen Carl Hagenbeck geplanten „Völkerschau“, die in der weitläufigen Rehberge stattfinden sollte einst. Einst, als die Vorführung von Menschen aus anderen Kulturen hinter Zäunen wie bei Zootieren in Berlin mehrfach geschah. Deswegen wurde das Afrikanische Viertel im Endeffekt geschaffen. Es sollte eine neue, große „Völkerschau“ in eine angepasste Umgebung einbetten. Wäre der Erste Weltkrieg dazwischengekommen, das rassistische Spektakel in dem Viertel hätte wahrscheinlich stattgefunden.

Noch heute setzen sich Jahr für Jahr Vereinsinitiativen gegen Straßennamen in Afrikanischen Viertel ein. Die Namensgeber Adolf Lüderitz, Gustav Nachtigal und Carl Peters etablierten den deutschen Kolonialismus maßgeblich mit beispielsweise. Wer aber den Umgang der Berliner Verwaltung bei Wünschen auf Änderungen ihrer Straßennamen kennt, der weiß: Das kann lange dauern. Eher ändert man die Wirkung der Namen im Alltag. Und genau das geschehe, so die Ölmalerin.

Eigenes Neues

Unzählige Menschen aus den ehemaligen deutschen Kolonien und anderen Ländern auf dem südlichen Kontinent seien in den vergangenen Jahren in den Wedding gezogen, darunter viele ins Afrikanische Viertel. Der geschichtliche Ursprung werde im Alltag einfach umgedeutet. Ein Teil der Immigranten aus Kamerun sehe die Kameruner Straße als Bezugspunkt. Ebenso bei der Kongostraße, Ugandastraße, allgemein bei der langen Afrikanischen Straße und bei mehreren anderen.

Das Viertel sei wie andere im Ortsteil Wedding bunt geworden. Menschen unterschiedlichster Kulturen leben miteinander. Wen kümmere die lang vergangene Geschichte? Der Besitzer des kleinen Lebensmittelgeschäfts Africa Market schräg gegenüber, Monsieur Ebeny, hatte es Stunden zuvor ähnlich ausgedrückt: Straßennamen seien eben nur Straßennamen. Viele Kulturen von unterschiedlichen Kontinenten leben in dem Viertel.

Die Sonne ist längst aus den Straßen im Viertel verschwunden. Es wird abendlich dunkel und kühler. Die Malerin steht auf, verabschiedet sich und schließt ihre Ladentür. Feierabend.

* Name von der Redaktion geändert / Artikelfoto: TUST

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