Ein Streifzug durch den Stephankiez

Kiezreportage Stephankiez

Der Kiez liegt im Bezirk Mitte auf der Insel Moabit. Seine nördliche Grenze ist die Ellen-Epstein-Straße neben den Gleisen des nördlichen S-Bahn-Rings, seine süd-östlich verlaufende die Perleberger Straße, seine süd-westlich verlaufende die Birkenstraße, die westliche die mehrspurige Putlitzstraße.

Ein Großvater schiebt sein Enkelkind in einem hohen, gefederten Kinderwagen mit rundem Verdeck über den Stephanplatz (24. März). Neben ihm läuft langsamen Schritts die Oma des Babys. An einer der zwei kleinen Skaterschanzen in der Mitte des Platzes angekommen, biegt der Opa plötzlich ab. Er schiebt den Wagen an der Schanze hoch. Vorsichtig noch ein bisschen, noch ein bisschen – wieder runter und wieder hoch und wieder runter und … Die Oma redet mit zunehmender Intensität auf ihren Mann ein. Schließlich lässt er von der Schanze ab. Die drei verlassen den Platz.

Der Tag ist einer von den Tagen, die morgens sonnig beginnen und nachmittags verregnet und bewölkt werden. Noch ist es sonnig. Bei etwa 10 Grad rennt eine Kitagruppe um die Wette. „Erster!“, ruft eines der dick angezogenen Kleinkinder. Es hat mit der Hand zuerst an die Tür der Kita in der Mitte des dreickigen Stephanplatzes geschlagen. Die anderen Kinder werden erst langsamer, als eine nachkommende Erzieherin mehrfach wiederholt, dass es laangggggsssam weiter in den Kindergarten geht.

Schräg gegenüber gehen jugendliche SchülerInnen aus dem alten, mit Efeu bedeckten Schulgebäude der Hedwig-Dohm-Oberschule hinaus zum Sportunterricht. Es ist genau der Zeitraum, in dem in Frankreich 16 jugendliche Schüler und zwei Lehrer einer Oberschule durch einen Flugzeugabsturz verunglücken. Ein Jugendlicher der Hedwig-Dohm-Oberschule läuft auf das Kopfsteinpflaster der Stephanstraße: „Komm doch! Na komm doch!“, ruft er einem anderen Jugendlichen mit Armbewegungen zu. Der reagiert darauf nicht und tritt derweil einen Jungen. Schließlich geht der Rufende wieder auf den Gehweg und die Jugendlichen schwänzen den Unterricht doch nicht.

Mario Binz* sitzt in seinem Kiosk in der Rathenower Straße und macht sich Gedanken über die Entwicklung des Kiezes. Vor ihm liegt ein Werbeprospekt des Großmarkts Metro. Um ihn herum stehen Zeitungen, Zigaretten und Getränke neben Haarshampoo, Tampons und Usb-Sticks. Seit 1977 lebt der etwa 50-Jährige in der Nähe. Früher habe es sehr viel mehr kleine Geschäfte in den Straßen um den Stephanplatz gegeben. Inzwischen seien viele der Ladenwohnungen in den Erdgeschossen der sanierten Altbauhäuser Wohnungen geworden. Der Kiez wird mehr und mehr zu einem ruhigen Wohnviertel ohne Gewerbe. Ist das negativ? Aus Sicht des Gewerbetreibenden ja. Das Gesicht des Kiezes werde anonymer. Umso wichtiger sind ihm seine StammkundInnen geworden. Sie bilden zusammen mit anderen AnwohnerInnen und Gewerbetreibenden eine Gemeinschaft um den Stephanplatz. Der Zusammenhalt ist auch Notwendigkeit. Notwendigkeit, sich gegenseitig zu helfen, um nicht anderswo hin verdrängt zu werden.

Noch gibt es kleine Unternehmen vor Ort. In kleinen Werkstätten in Flachbauten um die Quitzowstraße werden Autos geprüft und repariert. Lagerraum wird vermietet, Metall angekauft, Heizöl gehandelt. Vor einiger Zeit öffnete kurz vor dem nördlichen S-Bahn-Ring allerdings ein großer Baumarkt. Ein Lagerhaus für Privatmöbel hat neben der mehrspurigen Putlizstraße eröffnet. Der Güterverkehr am Westhafen nimmt an Fahrt auf. Der Stefankiez verändert sich.

 

(Artikelfoto: © J.Tust)
* Name von der Redaktion geändert

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