Ein Viertel Wein – ein Streifzug durch das Rheingau-Viertel

Das Rheingauviertel liegt im südwestlichen Berlin unmittelbar am S-Bahn-Ring. Seine Grenzen sind die Ringbahn im Norden, fließend die Rheingaustraße im Osten, ebenso fließend die Straße Südwestkorso im Süden und die Schlangenbader Straße im Westen. Historisch gesehen war das Viertel einst größer, schrumpfte durch städtebauliche Veränderungen jedoch mit der Zeit.

Drei Kleinlaster mit bunter Werbung für den Rundfunk Berlin-Brandenburg parken in der Rüdesheimer Straße. Gleich ist es 16 Uhr und die Fernsehsendung „rbb um 4“ wird live von dem Platz an der Straße aus gesendet (25. Mai). Der Moderator Arndt Breitfeld, etwa 35 Jahre alt, spricht mit einem Winzer vor einer Holzhütte. Die Hütte namens Weinbrunnen liegt auf einer gut fünf Meter erhöhten Terrasse auf der fußballfeldgroßen Grünanlage mitten auf dem Rüdesheimer Platz. Viel Grün wächst und liegt in und um die Anlage: hohe Bäume an den Straßen am Platzrand, verschiedenste Sträucher, gestutzte Hecken, Blumenrabatten, Rosen.
Was genau sie erzählen, ist wenige Meter weiter für ZuschauerInnen unverständlich. Das Mikrofon des Sprechers hat keinen Verstärker und eine Gruppe von rund acht MitarbeiterInnen des Rundfunks umringt den Moderator. Trotzdem sitzen und stehen gut 50 überwiegend ältere Menschen auf Bänken, Stühlen und am Rand der Terrasse. Sie beobachten das Geschehen. Seit 1967 öffnet hier jeden Sommer die saisonale Wein-Gastronomie Weinbrunnen, im Zentrum des Berliner Rheingau-Viertels.

Offene Grenzen
Das Viertel ist kein einheitlich abgrenzbares. Wo einst zusammengehörige Straßenzüge den einstigen Berliner Ortsteil Rheingau-Viertel bildeten, sind heute längst mehrere Bereiche entstanden, verschiedene Identitäten. Im Westen des Viertels wurde in den 1980er-Jahren ein Autobahnabzweig der A100 und ein gigantischer Wohnkomplex an der Schlangenbader Straße direkt darüber mit über 2.500 Wohnungen gebaut: die Schlange, umgangssprachlich. Dass noch westlich hinter dem Komplex Straßen aus dem historischen Rheingau-Viertel Namen tragen, benannt nach Orten in und um das Rheingau-Gebirge in Hessen, reicht im Alltag längst nicht mehr für eine gemeinsame Identität. Das heutige Rheingau-Viertel zentriert sich um den Rüdesheimer Platz und mehrere Seitenstraßen des Platzes.
Buslinien und U-Bahnlinien durchkreuzen das Viertel tagsüber innerhalb kurzer Taktzeiten. Die wenigsten steigen aus. Die meisten fahren nach Steglitz-Zehlendorf weiter ins Geschäftsviertel Schlossstraße oder stadteinwärts in Richtung City West. Der alte Reitweg in der Mitte der Straße Südwestkorso ist seit Ewigkeiten weg. Heute liegt dort ein von unzähligen Auto-Parkflächen. Viele kleine Geschäfte abseits des zentralen Rüdesheimer Platzes verkümmern mangels Nachfrage. Die Bank Berliner Sparkasse im Südwestkorso schließt im Juni. Leerstand von Wohnungen ist ein Problem im Viertel.

Leerstand in Berlin?
Ganz genau, die Mietpreise sind hier vergleichsweise hoch. Manche VermieterInnen schreiben unvermietete Wohnobjekte lieber von der Steuer ab, als sie günstiger zu vermieten. Unter dem Strich nehmen sie auf diese Weise mehr ein. An einem Laternenmast vor einigen Geschäften hängt in Augenhöhe ein Wohnungsgesuch einer vierköpfigen Familie: Eltern und zwei Kinder. Sie suchen via Farbfoto von sich mit lachenden Gesichtern eine 2,5-bis 3-Zimmer große Wohnung. Kaum jemand hat ein Zettelchen mit den Kontaktdaten von der Anzeige abgerissen.
So what? Identität schwach oder stark, hin oder her. Im Rheingau-Viertel ist es schön, so eine langjährige Anwohnerin. Die etwa 60-jährige Frau sitzt am Rüdesheimer Platz in einem Schuhgeschäft und unterhält sich bei einem Tee mit der Ladeninhaberin. Die zwei sitzen in Sesseln fast im Schaufenster. Um sie herum glänzt alles: polierte Möbel, Spiegel, Schuhe. Sehr aufwendig gepflegt alles hier.

Wein, Ruhe und Grün
Das Viertel seit weithin als das Weinviertel in Berlin bekannt, so die Anwohnerin. Weine aus der Gebirgslandschaft Rheingau in Hessen. Im Rheingau wird bereits seit römischer Herrschaft vor Urzeiten Wein angebaut. Nachdem Preußen in der Neuzeit das Gebiet vereinnahmte, dauerte es nicht lange, bis in Berlin das Rheingau-Viertel entworfen und gebaut wurde. Mit viel Wein: in Weinhandlungen, in den vielen kleinen Gastronomien, an den Fassaden der Häuser in Form steinerner Weintrauben und Fruchtkörbe. Auf der zentralen Brunnenanlage liegend weiße nackte griechische Gottheiten als Skulpturen. Abends kommen im Sommer bei gutem Wetter hunderte BerlinerInnen zum Rüdesheimer Platz, um Wein zu trinken. Nebst mitgebrachtem Picknick, vor Ort gekaufter Pizza und Ähnlichem – mit Zeit bis tief in die Nacht.
Wohnviertel. Wenn das Rheingau-Viertel ein Viertel des Weins ist, ist es ebenso eines des ruhigen Wohnens, der Rüdesheimer Platz ausgenommen. Und das Viertel hat ein weiteres prägendes Merkmal: Bauvielfalt. Die Baustile der Häuser reichen von Einfamilienhäusern, Mehrfamilienhäuser über schlichte Altbauten in Blöcken, große alleinstehende Altbauten bis hin zu Hochbauten aus den 1980ern.
Die zwei Frauen in dem Schuhgeschäft unterhalten sich weiter. Draußen sind abseits des Platzes an dem Nachmittag wenige Menschen unterwegs. Bei zwar gemäßigter Temperatur, ist das Wetter allerdings grau-feucht. Vielleicht deswegen. Vögel zwitschern in den über 30 kleinen Straßen. Von einem Spielplatz her schallen Kinderstimmen. Motoren einiger weniger Autos rauschen im Hintergrund. Aus den 321 Parzellen der Gartenkolonie Johannisberg im Westen des Viertels dringt kaum ein Geräusch. Auf dem Friedhof in der Fehlerstraße wachsen Ranken und Efeu über die Friedhofsmauern. Munter zwitschern auch hier Vögel, neben dieser Ruhestätte.

Artikelfoto: Die gepflegte Parkanlage auf dem Rüdesheimer Platz ist das Zentrum für Naherholung im Viertel / Foto: Tust

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