Im Kiez von Heinrich Zille – Ein Streifzug durch den Klausenerkiez

Naherholung am Klausener Platz

Der Klausnerkiez liegt im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf nahe dem Schloß Charlottenburg. Seine Grenzen sind die Bahntrasse der Ringbahn im Westen und der Kaiserdamm im Süden. Im Osten ist seine Grenze zum nächsten Kiez fließend, ebenso ist sie nördlich am Spandauer Damm fließend.

„Gib‘s hier Stickers?“, fragt eine gut 1,20 Meter große Anwohnerin die Verkäuferin. Das Mädchen steht in einem Gemischtwarenladen am Klausener Platz, ungeduldig, mit klebrigem Guss weit um ihren Mund verteilt, und an den Händen. Die Verkäuferin schaut von oben auf die Kleine runter und fragt zurück: „Mausi, wasch dich erst mal.“ Nach einigem Verhandeln („Ich hab Geld!“, „Klebrige Artikel können wir doch nicht mehr verkaufen. Kannst ja gleich wiederkommen“ …) geht das Mädchen wieder raus (27. November).

Draußen auf dem Klausener Platz wird es an dem kalten grau-wettrigem Nachmittag zunehmend lebendig: BerlinerInnen gehen und fahren einkaufen, nach Hause, irgendwohin, suchen einen Parkplatz in der Mitte des rechteckigen Platzes. Er umgibt ein großes Karree an Häusern. Überwiegend Altbau, wie im gesamten Kiez. Lediglich nordöstlich ist der große Platz offen und der Blick wird frei auf die Front des nahe gelegenen Schloß Charlottenburg. Davor stehen weiße Zeltchen und Verkaufsstände eines gut besuchten, umzäunten Weihnachtsmarkts.

Harald Marpe vertritt sich vor der Seelingstraße 14 mit einer Zigarette im Mund die Beine. Er summt eine Melodie vor sich hin. Ein Weihnachtslied? „Nein, ein Schmachtfetzen“, wird er etwas später antwortet. Er geht zurück in die Räume des Vereins Kiezbündnis Klausenerplatz. Er ist aktives Mitglied des Vereins und koordiniert an dem Tag anfallende Aufgaben.

Wenn das Quartiersmanagement vorbei ist

Was ist das für ein Verein? Einer, der vor 16 Jahren gegründet wurde, um ein staatliches Quartiersmanagement in Teilen fortzusetzen. Probleme im Kiez werden hier thematisiert und angegangen. Feste, Floh- und Weihnachtsmärkte werden hier vorbereitet. Die Identität des Klausenerkiezes wird hier in Kiezplänen, Kiez-Kalendern, einer Kiez-Zeitschrift und einer Heftreihe zur Geschichte des Kiezes geformt und gepflegt.

„Wir leben hier wie in einem Dorf.“, erzählt Harald Marpe. Man kenne sich gut. Während er weitererzählt, kommen immer mal AnwohnerInnen und andere BesucherInnen in den erdgeschossigen Raum und gehen wieder. Sie holen Päckchen ab, bringen Standgebühren vorbei für den am 13. Dezember von 14 bis 18 Uhr stattfindenden Kunsthandwerklichen Weihnachtsmarkt an der Schloßstraße, sie setzen sich an den großen Tisch in der Mitte des rechteckigen Raums und unterhalten sich.

Hunderte Bücher umgeben sie, viele davon über Berlin und über Themen der Bundeszentrale für politische Bildung. Eine aufrecht stehende Gitarre in einem Ständer, eine Kiezkarte mit Blocknummern an einer Tafel. Das Vereinstelefon klingelt. Harald Marpe kümmert sich um ein Problem.

„Schön ruhig ist es hier.“

Derweil beschreibt ein etwa 40-jähriger Mann seinen Eindruck vom Klausenerkiez: „Schön ruhig ist es hier.“ Er erläutert: Abseits der vielbefahrenen Straßen an den Rändern des Kiezes ist der komplette Verkehr beruhigt. In der Regel darf sich niemand schneller als mit 7km/h bewegen. Am Kiez gefalle ihm außerdem, dass immer mal etwas veranstalte werde. Im Winter der Weihnachtsmarkt, bei warmen Wetter ein Kiezfest auf der Promenade in der Mitte der Schloßstraße. Im Sommer wirken die Straßen mit Tischen von Gastronomien auf der Straße und mit Boule spielenden AnwohnerInnen mediterranes, so der Anwohner.

Ein bis zweimal im Jahr ein ungewöhnlicher Flohmarkt: AnwohnerInnen dürfen gegen eine kleine Gebühr für eine Versicherung, ungebrauchte Dinge direkt auf einem Stand vor ihrem Haus verkaufen. Harald Marpe hat fertig telefoniert und erklärt. Die Idee stamme aus den Niederlanden, wo die Bürger mit Einverständnis der dortigen Königin einmal pro Jahr alles frei verkaufen dürfen. In Berlin sei diese Art Markt außerdem Teil eines Modellprojekts für besseren Klimaschutz: Indem gebrauchte Dinge weitergebraucht werden, brauche es weniger an neuen Waren und deren CO2-Verbrauch bei der Herstellung. Ein Repair-Café gibt es im Kiez auch. In der Seelingstraße steht ferner eine derzeit gut gepflegte öffentliche Bücherzelle mit unterschiedlichsten Büchern zum kostenlosen Austauschen und Mitnehmen.

Offen und bunt

Auch gibt es in dem Kiez drei Kirchen und zwei Moscheen, zwei Schulen, eine Stadtteilbibliothek, Jugendclubs, viele kleine Geschäfte in den Erdgeschossen der Altbauhäuser, ungefähr ein Dutzend Galerien, eine Abguss-Sammlung antiker Plastiken, Flüchtlingsinitiativen und viele unterschiedliche Vereine, vielleicht wegen dem fußläufig erreichbaren, berlinweiten Vereinsregister einige Straßen weiter. Der Kiez wirkt offen und bunt.

Das hat seinen Preis gehabt und hat ihn noch. In den 1970er-Jahren sollten eigentlich viele der Altbauhäuser aus dem Bestand der Wohnungsbaugesellschaft Gewobag abgerissen und mit staatlicher Subvention an ihre Stelle neue Häuser gebaut werden. Mit dann wahrscheinlich höheren Mieten. Dagegen gab es Widerstand seitens der Bevölkerung. Ein Teil der besetzten Häuser im Kiez wurde gewaltsam geräumt. Ursprünglich sollten innerhalb der Blöcke in den Hinterhöfen alte abgerissene Mietskaserne durch Neubauten ersetzt werden. Neue enge Hinterhöfe für das einstige Arbeiterviertel. Daraus wurde aber nur in einem Block etwas.

In den anderen Blöcken kam es zu mehr Platz für grüne Höfe. In einem Hinterhof wurde sogar ein Ziegenhof mit abwechselnd Gänsen, Hühnern und Enten geschaffen. Den Hof gibt es in ehrenamtlicher Arbeit noch heute. Ebenso wie eine Erhaltungssatzung, die den Fortbestand von günstigem Wohnraum garantieren soll.

Heinrich Zille wäre vielleicht stolz. Der berlinweit bekannte Zeichner lebte über 30 Jahre lang im Kiez in der Sophie-Charlotte-Straße (1892-1929). In vielen seiner Zeichnungen dokumentierte er die schlechten Lebensbedingungen hier in den damaligen Mietskasernen. Gut, dass das längst vergangen ist.

(Artikelfoto: Naherholung am Klausener Platz | Foto: Tust)

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