Leben mit dem BND

BND Berlin

Ein Streifzug durch das Viertel um den neuen Gebäudekomplex des Bundesnachrichtendienst

Das Viertel um den 35 Fußballfelder großen Gebäudekomplex des Bundesnachrichtendienstes liegt in Berlin-Mitte unweit des Hauptbahnhofs. Seine Grenzen sind die Invalidenstraße im Süden, der Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal im Westen, die Liesenstraße im Norden und der Sankt-Sebastians-Kirchhof im Osten.

„Wenn Sie den BND vor der Tankstelle dort hinten zu fotografieren versuchen, werde ich das unterbinden.“, warnt ein Mitarbeiter des Wachschutzes des Bundesnachrichtendienstes, kurz BND. Der rund 45-jährige Mann mit kurzem Haarschnitt und neonfarbener Warnweste steht an der Ida-von-Arnim-Straße Ecke Chauseestraße (6. Oktober). Einen Steinwurf entfernt hinter ihm tut sich eine der vielen kleinen Baustellen auf, die die Fertigstellung der BND-Zentrale mit sich bringt. Was dort wie seit 2006 gebaut wird, ist großenteils geheim.

Der Himmel ist an dem Oktobertag sonnig blau. Autos stauen sich bei knapp 20 Grad im Nachmittagsverkehr der Chauseestraße. In der Wöhlertstraße liegen unter mehreren Bäumen zerquetschte neben grünen kleinen Äpfeln. Auf dem öffentlichen Parkweg an der Panke beobachten zwei junge Mütter ihre drei Kleinkinder beim Spielen. Sie sitzen auf zwei Parkbänken unmittelbar vor der monumentalen Westfassade des BND mit den zwei 22 Meter hohen Kunst-Palmen, die an getarnte Funkmasten erinnern sollen. Sie berichten von der Entwicklung des Viertels. Die meisten der Arbeitsplätze für die tausenden BND-MitarbeiterInnen seien noch nicht bezugsfertig. An vielen der Fenster kleben noch Plastikstreifen, vermutlich als Markierung zum Orientieren. Dementsprechend ruhig sei es derzeit noch, abgesehen vom Baulärm.

Monumentaler Neubau

Wie ist das Leben neben dem bundesdeutschen Auslandsgeheimdienst? Keine direkte Antwort. Stattdessen erzählt eine Mutter von ihrer Angst, dass die Mieten durch die vielen GeheimdienstlerInnen steigen könnten. Mütter und Kinder brechen in Richtung Habersaathstraße auf.

Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben hat auf dem zehn Hektar großen Grundstück von mehreren Architekturbüros rund 5.200 Räume mit über 10.000 gleichförmigen Fenstern bauen lassen. Die Immobilie wird sie nach Fertigstellung an den BND vermieten. Der Komplex besteht aus einem nördlichen Bereich mit Kaderschule, Internat und eigenem Parkhaus sowie aus einem südlichen Bereich mit einem öffentlichen Besucherzentrum.

In der Mitte liegt das Hauptgebäude mit zwei Nebenhäusern. In ihm sind Konferenzräume und Büros der Führungskräfte des Geheimdienstes angelegt. Vor ihm auf dem Boden des Innenhofs balanciert ein rostfarbener Kunst-Klumpen aus Stahl. Der wirke laut Künstler Stefan Sous unergründlich-mystisch und symbolisiere die anspruchsvolle Arbeit des BND im Verborgenen. Verborgen vor Blicken ist zumindest derzeit auch das Leben auf dem Außengelände der BND-Zentrale. Zweieinhalb Meter hohe, vernietete Holzwände umzäunen das Gelände. Hinter ihnen folgt ein Stahlzaun mit spitzen Enden.

Veränderung ist hier nichts Neues

Gut 100 Meter vom BND entfernt, vorbei an dem Abwasserpumpwerk Mitte, zieht ein gelber Kran in der Chauseestraße eine Betonplatte an einem Stahlseil nach oben auf das oberste Geschoss eines künftigen Fünf-Sterne-Hotels. Bauarbeiter rufen sich Information zur Absprache zu. Hammerschläge hallen. Beton wird mit Maschinen in den Boden gepresst. In dem Viertel wird auch abseits des BNDs viel gebaut. Das Bundeswehrkrankenhaus neben der BND-Zentrale wird überholt. Zahlreiche neue Wohnungen und mehrere neue Hotels entstehen. An die seit Jahren verfallende Backstein-Ruine einer einstigen Post-Dienststelle wird in wenigen Jahren vermutlich höchstens noch eine Gedenktafel erinnern.

Städtebauliche Veränderung ist in dem Gebiet zwischen Regierungsviertel und Nordbahnhof nichts Neues. Seit dem 18. Jahrhundert wechselten sich im Rhythmus von mehreren Jahrzehnten um den U-Bahnhof Schwartzkopffstraße unterschiedlichste Bebauungen ab. Bis 1748 war das Viertel geprägt durch landwirtschaftliche Nutzfläche. Anschließend kam ein Exerzierplatz. Dann eine Kaserne. Es folgten eine Militärsporthalle, ein Lazarett, eine Eisengießerei und 1950 die größte Sportstätte von Ost-Berlin, das Walter-Ulbricht-Stadion. 1992 wurde das Stadion, das zwischenzeitlich in Stadion der Weltjugend umbenannt wurde, großenteils abgerissen.

Ein Fußball- und ein Tennisplatz blieben übrig. Das Krankenhaus der Nationalen Volksarmee der DDR wurde zum Bundeswehrkrankenhaus. Mit mehr als zehn Gebäuden, einem Unteroffiziersheim und einem Personalwohnheim. Nach wie vor überragt ein alter Wäschereiturm mit rot-weißer Markierung für nahende Hubschrauber über das Gelände.

Und täglich grüßt die Gentrifizierung

Sirenen tönen von den häufigen Krankentransporten in das nahe Bundeswehrkrankenhaus. Deniz störe das am meisten am sonst, bisher, eher ruhigen Leben in dem Viertel. Der 27-jährige Anwohner möchte nur seinen Vornamen nennen. Deniz steht in der untergehenden Abendsonne mit seinem Freund Amru im kleinen Park an der Liesenstraße. Bei einer Panikattacke habe die unmittelbare Nähe zum Krankenhaus dem Anwohner allerdings schon sehr geholfen. Sie gebe ihm ein Gefühl von Sicherheit.

Bunte Blätter wehen bei geringer Windstärke über die Wiesen. Er sei in einer Nebenstraße wenige Meter entfernt geboren. Die zentrale Lage des Viertels sei schon immer sehr praktisch gewesen, finde er. Die starke Veränderung in seinem Kiez lasse ihn aber unsicher darüber zurück, ob die Stätten seiner Kindheit bald verschwinden und er ob höherer Mieten mit ihnen.

Sein 29-jähriger Freund Amru lässt vom Tippen auf sein Smartphone ab. Er fürchte um seinen Kiez, erzählt er weiter. Die viereckigen Nummern an den Bäumen der Parkfläche an der Liesenstraße seien Vorläufer für weitere Baupläne. „Das wird hier alles Regierungsviertel.“, sagt er. Werde das trotz allem nicht spannend, neben einem Geheimdienst zu wohnen? Nein, so Amru, die neuen Nachbarn würden ja doch ihren eigenen Kreis bilden. Einen mehr und weniger geheimen.

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