Mehr als nur ein Fest: Ostern

Ostern bedeutet in Berlin vielerlei. Nur knapp ein Viertel der BerlinerInnen sind bei christlichen Kirchen eingetragen. Die Bandbreite reicht von strengen religiösen Ritualen über lockeres Schulterzucken bis hin zu Nix-wie-weg.

Worum geht es bei Ostern noch mal? Um den Ortsteil Ostern in Bayern? Nein. Ursprünglich feiern christliche Kirchen zu Ostern die Auferstehung von Jesus Christus. Zwei Tage vorher am Karfreitag wird seiner Kreuzigung erinnert. Ostersonntag steht er wieder auf und das wird gefeiert. Jährlich seit über einem Jahrtausend. Mit der Zeit entstanden staatliche Feiertage. Feiertage für alle. Tage also, an denen Normalität etwas anderes bedeutet als sonst. Viele BerlinerInnen verbringen diese Feiertage unterschiedlich.

Der Verkäufer von Obst und Gemüse am Leopoldplatz im Ortsteil Wedding verfolgt mit wachem Blick das geschäftige Treiben um seinen durchgängig geöffneten Straßenstand (21. März). Am Leopoldplatz in Mitte ist werktags immer viel Bewegung, ein Berliner Verkehrs- und Geschäftszentrum. An dem Stand des Verkäufers gibt es seit Kurzem wieder mehr Vielfalt, der Winter geht ja zuende. „Ostern, nee, das feiern wir in meiner Familie nicht.“, erzählt der Familienvater, Ende 30. „Wir nehmen die Zeit meistens für einen Kurzurlaub. Ansonsten schließen wir uns der Mehrheit an und arbeiten nicht.“

Die meisten BerlinerInnen arbeiten zu Ostern nicht. Sind ja von Gesetzes wegen zwei Feiertage. Eigentlich soll alles geschlossen sein, mit den üblichen Ausnahmen an Bahnhöfen, in Krankenhäusern, in der Gastronomie, im Nahverkehr, in Kinos, Theatren, im Zoo, Museen … in Berlin halt viele Ausnahmen. Zudem sind dann international vielerorts Osterferien und die Stadt erlebt eine Welle mehr TouristInnen als sonst.

Gegenüber von dem Verkaufsstand am Leopoldplatz thront wie jedes Jahr eine Hasenfigur über den Platz. Goldenfarben, rotes Band mit Glöckchen, kleine Ohren. Genau, das bundesweit in Einkaufsmärkten zu dieser Zeit sehr verbreitete Stück Schokolade eines bekannten Herstellers. Das Exemplar über dem Leopoldplatz besteht aus Plastik, ist mehrere Meter hoch und sitzt auf dem Dach eines Kaufhauses. Ein Sinnbild für das, was Ostern in Berlin auch ist: ein großes Geschäft. Süßes, Geschenke, Osterdeko kaufen.

Unten drinnen in dem Kaufhaus fängt es gleich hinter den Glastüren an. Schokolade in Hasenform mit verschiedenen Mustern. Hinten im Erdgeschoss auf Aktionstischen folgt die große Masse: Eier. Eier aus Schokolade vorallem, in unterschiedlichsten Farben und Größen, überall. Es sind Tausende. Danach: Hasen. Hasen aus Schokolade, Holz, Porzellan, Ton, Plastik, Blech, Plüschstoff. Es glänzt und funkelt in hellem Licht. Am Rand andere Tiere: Küken, Lamm, Baby-Kätzchen. Ein frühlingshaftes Bunt.

„Eine Trennung von Oster- und Frühlingsbrauch ist nicht immer klar zu erkennen.“, schreibt das Brockhaus über Ostern. Das sieht eine Gruppe Männer am Hauptbahnhof auch so: „Was denn für einen Spaziergang?“, fragt der eine jüngere seinen Verwandten aus Berlin. Die Gruppe steht am nördlichen Ausgang bei den Taxiständen.

Der korpulente Berliner, so 50: „Na, weißt du nicht mehr, haben wir doch mal gemacht, als du zu Besuch warst!“ Okidoki. Er spricht von einem Osterspaziergang. Vorher hat er beschrieben, was er zu Ostern macht: „Gemütlich beisammen sein, in der Familie die freien Tage genießen.“ Später fügt er noch Filme schauen hinzu. Der sehr schlanke Freund neben ihm ergänzt: Osterfeuer. Bei ihm, kein Berliner, sei ein Osterfeuer von Gründonnerstag zu Karfreitag üblich. Der Donnerstag vor Ostersonntag gehört bei ihm offenbar zu Ostern dazu. Man komme zusammen und feiere mit dem Abbrennen eines Feuers den aufkommenden Frühling. Die anderen drei der Gruppe stimmen zu. Das würden sie auch kennen, Osterfeuer im Garten.

Das gibt es auch in Berlin, Osterfeuer. Da offenes Feuer bei der dichten Bebauung allerdings in der Regel nicht erlaubt ist, haben sich an verschiedenen Stellen der Stadt Veranstaltungen mit einem solchen Feuer etabliert. Gefeuert wird im Britzer Garten in Neukölln, auf der Trabrennbahn in Karlshorst, im Strandbad Weißensee, in den Späth’schen Baumschulen und in Gatow in Spandau.

Ein paar Kilometer weiter ist von Osterfeuer, Gemütlichkeit oder Osterfeuer keine Rede. Auch eine Männergruppe, aber einer weniger, drei. Bei der Polizei angemeldet mit Flyer und großem Plakat: „Pelz ist Mord.“, steht drauf. Die drei von etwa Mitte 30 bis 50 stehen als Mini-Kundgebung an der Friedrichstraße. Der jüngste verteilt die Flyer, die anderen zwei halten das Plakat an beiden Seiten. Auf die Frage nach Ostern antwortet der ältere mit Inhalten der Kundgebung. Ok, dafür steht der Veganer ja dort, am Nachmittag bei eiskaltem, wechselhaftem Wetter. Ist das mit dem Pelz vor Ostern denn besonders aktuell? „Das ist immer aktuell.“, erläutert. Er holt aus, zeigt an PassantInnen vermeintliches Kunstfell. Fell sei erst ab einem Anteil von über 50 Prozent deklarierungspflichtig und so weiter und so fort.

Zwischen den Zeilen lässt sich trotzdem raushören, was dieser Berliner zu Ostern macht oder genauer gesagt nicht macht: keinen Osterbraten essen, keine Schokolade mit Milch essen, keine gekochten Ostereier bemalen. Die Gruppe steht weiter in der Kälte und protestiert („Den Tieren geht es noch schlechter!“).

Zurück zu Ritualen von vielen BerlinerInnen zu Ostern. Was geht noch, bei Berlins pluraler Bevölkerung? Traditionell finden in der Hauptstadt Ostermärsche statt, das sind friedliche Demos für Demokratie und Abrüstung. Auf dem Zentralen Festplatz am Kurt-Schuhmacher-Damm gibt es ein Frühlingsfest. Am Breitscheidplatz einen Ostermarkt mit Live-Musik. Im Zoo und Tierpark werden für Kinder Ostereier versteckt. Im Free-TV, die Mehrheit der BerlinerInnen nutzt einen Fernseher, läuft ein spezielles Feiertagsprogramm mit mehr Filmen als sonst.

Irgendwo muss doch jemand auffindbar sein, der Ostern im ursprünglichen christlichen Sinne begeht. Laut Statistikamt Berlin-Brandenburg ist knapp ein Viertel der Berliner Bevölkerung evangelisch und katholisch, also christlich. Gibt es und ist auffindbar. Er möchte anonym bleiben.

Nennen wir ihn Peter Meyer. Er ist einer von Berlins Massen an RenterInnen und lebt in einer ruhigen Ecke in Charlottenburg-Wilmersdorf. Jede Woche geht er in den Gottestdienst einer katholischen Kirche. „Eigentlich ist Ostern ein trauriges Fest für mich.“, sagt er. Da es vorher in der Fastenzeit, in der Karwoche und am Karfreitag vor Ostern um den Tod von Jesu Christu gehe.

Peter Meyer selbst faste, zwar nicht streng die gesamte Fastenzeit über, in der Karwoche aber auf jeden Fall ab Gründonnerstag, bis Ostersamstag. Kein Fleisch, nichts Süßes, kein Alkohol, weniger Essen als sonst. Das sei schon in seinem Elternhaus auf dem Land damals so gewesen, einer katholischen Gegend. Die Osterfeiertage lägen ja erst am Ende dieser Zeit. Zu kurz für ein freudiges Fest wie es zum Beispiel Weihnachten für ihn bedeute.

Und was macht er dann, an Ostern, Kirchenbesuch ausgenommen? „Ich koche einen leckeren Braten!“ Ansonsten lege er an dem Tag die Füße hoch und sehe schöne Filme mit seiner Familie an. Klingt doch nach etwas Freude, auf die Feiertage. Frohe Ostern, liebe LeserInnen!

Artikelfoto: Leopoldplatz in Mitte mit Hase zu Ostern im Hintergrund; Foto: Tust

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