Mit den Zügen in die Zukunft

Berlin Ostkreuz

Mit den Zügen in die Zukunft – Ein Streifzug durch den Kiez am Ostkreuz

Der Kiez liegt am östlichen Rand von Friedrichshain-Kreuzberg. Im Osten geht er hinter der Ringbahn am Bahnhof Ostkreuz fließend in den Bezirk Lichtenberg über. Nordöstlich begrenzt die Neue Bahnhofsstraße den Kiez, nördlich die Weserstraße, westlich der Kiez um den Boxhagener Platz. Seine südliche Grenze sind die Bahntrassen von S-Bahn und DB-Bahn.

„Ist hier gerade ein Bengel mit rotem BMX-Rad vorbeigefahren?“, der Polizist im Eckpark auf dem Wühlischplatz hält kurz an. Nein. Der etwa 38-Jährige rennt zurück in Richtung westlicher Parkausgang. Eine Polizistin in der Seitenstraße neben dem Park tut es ihm gleich. Kurze Zeit später schallt die Polizeisirene aus dem Auto der Polizisten durch die Straßen in die Ferne (24. August).

Der Sommertag ist warm: rund 27 Grad, wenige Wolken, leichter Wind. Hier und da spazieren Menschen durch die Straßen im Kiez, über die vielen Kopfsteinpflaster, vorbei an den überwiegenden Altbauhäusern und allseits präsenten Graffitis, Aufklebern und Zetteln an Laternpfahlen, Stromkästen, Ampelmasten und Hauswänden.

Der gesuchte Verdächtige wird längst anderswo sein. In der Boxhagener Straße ist es längst wieder ruhig. Eine Mutter mit kleinem Jungen, auf einem roten Dreirad, beschreibt: Der verdächtige Radfahrer war Teil einer Verfolgungsjagd zwischen Polizei und zudem drei von Verdächtigen wild durch die Straßen gelenkten Autos.

„Wat’n dit hier?“

An dem Kiosk mit Spätkauf an der Ecke Boxhagener Straße Sonntagstraße hängt draußen als Leuchtreklame der Schriftzug Kiezshop. Wie heißt der Kiez hier? Der etwa 35-jährige Verkäufer lächelt kurz und zuckt mit den Schultern. Was ist das für ein Kiez? „Da bin ich überfragt.“ Danke schön, tschüß. Alles klar, der Begriff Kiez wird hier wie an unzähligen anderen Orten in Berlin als Teil einer inhaltslose Verkaufe verwendet. Obwohl es anders sein könnte. Dazu später mehr.

„Wat‘n dit hier?“, schreit ein Fußball-Trainer einige Meter weiter auf dem Sportplatz einer Grundschule einem Jugendlichen zu. Der Schüler mit der Shirt-Aufschrift Götze hat bei einer Schießübung aufs Fußballtor daneben geschossen: „Konzentrieren und zugucken, was die anderen machen!“, ruft er dem davon Joggenden für die nächste Runde hinterher.

Wenige Meter weiter wird auf einem etwa fünf Meter hohen Plakat auf einem abgesperrte Brachgelände ein neuer Wohnblock angekündigt: das Freudenberg-Areal. Spritzflecke eines geworfenen Farbbeutels breiten sich von der Plakatmitte hin zum Rand aus. Um die Kritik an dem Bau von überteuerten Wohnungen zu unterstreichen, haben Gegner an die riesige leere Seitenmauer eines Altbaus gegenüber: „Fight Gentrification!“, in weißem Graffiti gesprüht. Bislang wird auf dem Gelände nicht gebaut.

Berliner Baustelle

Im Gegensatz dazu ist der Bahnhof Ostkreuz einige hundert Meter weiter eine Großbaustelle. Hunderte Menschen warten auf den Gleisen auf Züge der S-Bahn. 18:05 Uhr. Am oberen Bahnsteig an der Ringbahn in Richtung Südkreuz strömt das Licht der abendlichen Sonne durch die von Baustaub ungleichmäßig beschmutzte westliche Glasfassade der Bahnhofshalle. Neun Baukräne sind dahinter auf dem Bahngelände sichtbar. Glas-Stahl-Pavillons für Geschäfte sind noch leer und abgesperrt. Eine breite Zugangstreppe zu zwei Gleisen ist noch im Bau. Weit und breit keine Sanitäranlagen für Reisende. Das große Baudenkmal Wasserturm neben dem Bahnhof, einst Wasserspender für Dampflokomotiven: eine abgesperrte Ruine.

Ein veraltetes Schreiben der Arbeitsgemeinschaft VP12 Ostkreuz informiert an Gleis 8 unten in langen Wörtern über Bauarbeiten, die ausgeführt wurden: Montagen von Hochbaukränen, Oberleitungsarbeiten, Kabeltiefbauarbeiten. Verwendete Maschinen: Zweiwegebagger, Schotterpflüge, Universalstopfmaschinen. Zwei neue Regionalbahnsteige soll der 1903 eröffnete Bahnhof erhalten: einen in Ost-West-Richtung auf der unteren von zwei Ebenen des Bahnhofs. Einen anderen neben den Gleisen des Berliner S-Bahn-Rings oben.

Außerhalb des Bahnhofs auf dem benachbarten Annemirl-Bauer-Platz ist der Park. Viele sitzen auf den langen Holzbänken um den großen Spielplatz in der Mitte. Sie unterhalten sich, trinken, rauchen, spazieren. Auf der südlichen Parkseite schauen einige den ebenerdig fahrenden Zügen der S-Bahn zuschauen.

Nachwuchs für die Alteingesessenen

Thomas Müller sitzt einige hundert Meter weiter mit einem Freund aus dem Kiez und zwei Bier vor einem Spätkauf. „Kennen Sie sich hier aus?“ Antwort: „Wie viel Zeit haben Sie?“ Der rund 60-jährige Thomas Müller wohnt seit 1961 am Ostkreuz. Damals brachte ihn sein Vater beim Umzug via vollbepackten Handwagen in die Sonntagstraße, mit ihm oben druf.

Hat sich hier im Kiez Wesentliches verändert in den vergangenen Jahren? Ja. Der Kiez am Ostkreuz sei vor der Wende tot gewesen, beschreibt der ehemalige Berufs-schullehrer für Recht.

Auf den Straßen habe es außer einigen Eckkneipen kaum Treffpunkte für Bekannte gegeben. Damals habe man sich zuhause besucht. Man sei einander vertrauter gewesen. Seit der Wende und der zunehmenden Modernisierung der Häuser im Kiez werde es zunehmend belebter und lauter auf den Straßen. Ist das nur negativ? Nein. Der langjährige Anwohner finde es positiv, dass viele Familien mit kleinen Kindern in den Kiez gezogen sind. Daa bedeutet auch Nachwuchs für eine alteingesessene Generation von AnwohnerInnen, die nach und nach wegsterben.

Die vielen Kurzmieter im Kiez seien eines Tages ohnehin Geschichte. Dann, wenn die Mietpreise so hoch gestiegen sind, dass sich die AnwohnerInnen gegen zu viel Lautstärke den zunehmenden Gastronomien durchsetzen. Dann, wenn hier ein neues Prenzlauer Berg entstanden sein werde.

Bis dahin, beschreibt sein Bekannter Uwe Koß, ein Zimmerer mit berufstypischen schwarzem Hut, die Nachbarschaft in seinem Haus so: „Rein, raus, rein, raus …“ Er bekomme kaum Gelegenheit, neue Nachbarn überhaupt kennenzulernen. Die zwei Anwohner unterhalten sich weiter auf der Terrasse des Spätkaufs.

Einige Meter weiter in den Gastronomien nahe dem Bahnhof sitzen überwiegend junge Menschen auf den Terrassen der Gastronomien. Sie unterhalten sich, beobachten PassantInnen, trinken. Die Stimmung ist ruhig. Noch? Sobald die laut Berliner Verwaltung geschätzten 230.000 Menschen täglich den erneuerten Bahnhof Ostkreuz passieren werden, könnte der Kiez am Ostkreuz abends (vorübergehend) zum Partykiez werden.

Mal schaun.

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