Tempelhof als Massenquartier

Berlin Tempelhof airport refugees

Ein weiteres Zeichen dafür, wie überfordert der Senat in der Flüchtlingsfrage ist

eine Analyse von Lisa Steiner

Muss das sein? Leider ja. Was aber noch sein muss, jetzt: ein Masterplan zur langfristigen Unterbringung und Integration der Flüchtlinge.

Tempelhof wird zum Flüchtlingsquartier. 7000 Menschen sollen in den Hangars und auf dem Vorplatz wohnen. Kurzfristig, sagt der Senat. Und ändert deshalb das Tempelhof-Gesetz. Das  ist außergewöhnlich, steht dieses doch symbolisch für direkte Demokratie. (Die Berliner setzten sich per Volksentscheid gegen die Wohnbau-Pläne der Politik durch, das Tempelhofer Feld blieb Freiraum.) Dass die Aktivisten der Initiative „100% Tempelhof“ jetzt mehr als aufgebracht über die Gesetzesänderung sind, ist verständlich. Sie fürchten, dass der Senat die Chance nützt, um zumindest die Ränder des Tempelhofer Feldes langfristig doch für Wohnbauten zu nutzen.

Aber: Allen – Senat, wie Aktivisten – ist klar, dass die Menschen, die nach ihrer Flucht in Berlin ankommen, irgendwo schlafen müssen.

Wo, darüber gehen die Meinungen auseinander. Nicht nur, wenn es um „die Heilige Kuh“ Flugfeld geht. Das zeigt die anhaltende Diskussion um die als Notquartier genutzten Turnhallen. Auch diese waren als kurzfristige Notlösung von den Regierenden angekündigt worden. Jetzt ist allerdings klar: Niemand weiß, wie lange die Hallen noch als Schlafplatz statt Sportplatz dienen werden. Dass weder Hallen noch das geplante Massenquartier beim Flugfeld eine gute Lösung sind, gibt man mittlerweile zu. Der zuständige Flüchtlingskoordinator Dieter Glietsch: „Wir wissen alle, dass Tempelhof kein Ort ist, an dem Flüchtlinge für viele Monate leben sollten“, so Glietsch anlässlich der Präsentation der Tempelhof-Pläne. Leider gibt es aber momentan wohl keine Alternative. Einerseits, weil so viele Menschen zu uns kommen.  Andererseits aber auch, weil der Senat ganz lange untätig blieb.

Natürlich konnte noch vor einem Jahr niemand wissen, dass so viele Menschen zu uns nach Berlin kommen. In Zahlen (vom Senat genannt, wie belastbar ist nicht klar): 79000 Flüchtlinge sind im Vorjahr bei uns angekommen. Und auch jetzt kommen angeblich pro Tag 200 bis 300 Asylwerber in der Hauptstadt an.

Anfang 2015, so rechtfertigt sich die rot-schwarze Koalition, sei man davon ausgegangen, dass rund 12500 Menschen nach Berlin kommen würden. Die jetzt angekommene Masse ist zwar tatsächlich ein Vielfaches . Aber: Spätestens im Sommer, als die Probleme vor dem Lageso begannen, hätte der Senat reagieren müssen. Spätestens dann hätte man Sofortmaßnahmen ergreifen müssen, einen Masterplan zur menschenwürdigen, langfristigen Unterbringung der vielen Flüchtlinge stricken müssen. Doch sowohl der zuständige Sozialsenator Mario Czaja (CDU), als auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) sahen lange zu. Zu lange. Ergebnis: Auch jetzt funktioniert nicht einmal die Registrierung der Neuankömmlinge in der Turmstraße reibungslos.

Zwar hat man inzwischen den Amtsleiter ausgetauscht und eine neue Behörde, nur für Flüchtlinge, geschaffen. Die ist aber im selben Gebäude in der Turmstraße. Und auch die alltägliche – und allnächtliche – Warteschlange ist geblieben. Selbst bei Minusgraden warten jede Nacht teils Hunderte Menschen vor dem Lageso, aus Angst, ihren Termin nicht wahrnehmen zu können, wenn sie zu spät mit Anstehen anfangen.

Viele der Flüchtlinge wohnen in Notquartieren. In Turnhallen oder in jener Wärmehalle in Moabit, die man im Frühjahr 2015 als temporäres Notquartier errichtete. Ein paar Monate, hieß es seitens der Politik, würde man die Traglufthalle brauchen.

Nur für die Zeit der gröbsten Not. Flüchtlinge sollten darin wohnen, bis sie ein richtiges Quartier zugewiesen bekommen hätten. Ein Jahr später steht die Wärmehalle immer noch. Und ist ein Symbol für etwas, was jeder weiß, aber zumindest von den amtierenden Regierungspolitikern keiner zugeben will. Dass sie in der Flüchtlingskrise voll versagt haben. Statt rechtzeitig, vorsorglich gehandelt zu haben, reagiert man nur noch. Jetzt eben mit einem „temporären“ Notquartier am Rande des Flugfelds. Befristet bis 2019 sollen dort bis zu 7000 Menschen unterkommen. Aufgrund der bisherigen Erfahrungen mit „temporären“ Maßnahmen des Senats, ist das schlimmste zu befürchten. Und zwar nicht für uns Berliner, sondern für die Asylwerber. Stellen Sie sich doch einmal vor, Sie müssten mit Tausenden anderen in einer Halle leben. Bett an Bett, mit Dixie-Klos und vielleicht einem Bus, der Sie ins nächste Schwimmbad zum Duschen bringt. Arbeiten dürften Sie natürlich als Asylbewerber auch nicht. Außerdem müssten Sie vielleicht neben jemandem schlafen, der Sie in Ihrer Heimat umgebracht hätte, ohne mit der Schulter zu zucken. Sie sagen jetzt: Na, dann hätten die Flüchtlinge halt nicht kommen sollen. Mal ernsthaft! Wenn es Ihnen und vor allem Ihren Kindern nur halb so schlecht ginge, wie denen, die kommen, dann würden Sie alles in Ihrer Macht stehende tun, um wegzukommen. Eine Flucht ist kein Spaziergang. Niemand gibt gerne freiwillig seine Heimat auf. Aber viele würden freiwillig vieles tun, um hier eine neue Heimat zu finden. Und warum nicht? Brandenburg zum Beispiel könnte ein neue Einwohner gut brauchen. Sonst stirbt das Bundesland langsam aus.

Allerdings funktioniert Zuwanderung und Integration nur dann, wenn Menschen rasch Perspektiven haben.

In einem Ghetto hat man keine Perspektiven. In einem Ghetto lernt man schlechter Deutsch. Ghettos sind oft der Nährboden von Kriminalität. Weil sich gemeinschaftliche Perspektivenlosigkeit aufschaukelt.

Deshalb muss der Senat rasch handeln. Wenn jetzt wirklich ein Massenquartier beim Flugfeld notwendig ist, damit niemand in Berlin erfriert, dann muss es eben sein. Was aber auch sein muss, und zwar allerspätestens jetzt, ist ein mittel- und langfristiger Masterplan, wie man die Flüchtlinge dezentral unterbringt. Sonst knallt’s bald gewaltig. Und das will keiner.

(Artikelfoto: Flughafen Tempelhof – Foto: www.fotolia.com |Ricochet64 – )

 

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