Widerstand in Symbolen – Ein Streifzug durch den Samariterkiez

F-Hain - Samariterkiezm friedrichshain

Der Samariterkiez liegt an der nordöstlichen Grenze des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Er reicht nördlich bis zur Eldenaer Straße, östlich bis zum S-Bahn-Ring, südlich bis zur Frankfurter Allee und westlich bis zum Forckenbeckplatz.

„Das ist hier der begehrteste Stadtteil in Friedrichshain. Hier wollen alle herziehen.“, sagt der Mitarbeiter Achim Schulz vom Forcki.* Das Forcki ist ein Jugendzentrum mit Abenteuerspielplatz im Park am Forckenbeckplatz im Samariterkiez. Der etwa 40-Jährige rückt Café-Stühle des Forcki zurecht. Er blickt bergab in Richtung Samariterkirche (19. Mai). Im Kiez wechseln dauernd Geschäfte, so Schulz.

Wo einmal eine Bäckerei drin war, sei keine zwei Jahre später ein Kleidungsladen und bald schon wieder ein anderes Geschäft wie eine Gastronomie. In der Wohnung in seinem Haus in dem Kiez sei die Miete der Wohnung im Hof gegenüber doppelt so hoch geworden wie seine eigene. Die Wohnungen seien vergleichbar in Größe und Ausstattung. Zahlreiche Eigentumswohnungen und Wohnflächen im Luxussegment seien im Samariterkiez entstanden.

Achim Schulz geht an den Stühlen des Forcki vorbei und wischt einen Tisch des Jugendfreizeitzentrums ab. „Im Südkiez ist mehr los.“, sagt er. Mit Südkiez meint er die Straßen um den Boxhagener Platz südlicher der Frankfurter Allee. Das störe ihn aber nicht. Der Kiez am Forcki sei schön.

Reich an Infrastruktur

Für Kinder und Jugendliche gibt es im Samariterkiez viele Schulen, Kitas, Jugendclubs und Spielplätze. Abgesehen von den Schulen sind die Häuser überwiegend saniert. Die Nahversorgung mit Supermärkten, Discountern im Norden des Kiezes und mit unzähligen kleinen Geschäften in übrigen Straßen sowie an der Frankfurter Allee ist umfassend. Die Verkehrsanbindung an die restliche Berliner Innenstadt ist schnell. Viel Grün gibt es im Kiez an Bäumen, an Promenaden, in Höfen und in kleinen Parks. Noch mehr Grün gibt es im unweit entfernt liegendem großen Volkspark Friedrichshain.

Sein einziges Problem im Kiez sei, dass das Forcki mit dem steigendem Lebensstandard der AnwohnerInnen stärker um die Finanzierung aus Landesmitteln und EU-Mitteln kämpfen müsse. Kinderarmut sei im Durchschnitt längst aus dem Kiez weggezogen, verstärkt in Berliner Außenbezirke. Dementsprechend fließe mehr Geld in die dortige Jugendprojekte. Noch gibt es das Forcki. Achim Schulz geht zu einer Kollegin, um die Vorbereitung auf den Tag im Jugendclub weiter abzusprechen.

Über 8.000 BerlinerInnen leben im Samariterkiez, unter ihnen viele junge Familien mit Kindern. Die Altbau-Reihenhäuser sind in klar strukturierte Straßenblöcke eingeteilt. Etwa vier Häuser führen oft auf einen Hinterhof. Der Verkehr ist beruhigt durch Mittelstreifen, Kopfsteinpflaster und niedrige Tempolimits. Fahrräder gehören zu den wichtigsten Transportmitteln in dem hügeligen Kiez; sie sind auch auf den Bürgersteigen typisch im Straßenbild. Ebenso sind es junge Bäume mit Holzstützen für ein besseres Wachstum.

Der Himmel ist an diesem Tag bewölkt. Vögel zwitschern. Ab und zu scheint die Sonne durch die Wolken. „Das wird doch nichts mehr mit dem Wetter zu Pfingsten!“, sagt eine Seniorin in der Rigaer Straße zu einem Praxishelfer, wenige hundert Meter vom Forcki entfernt. Die Seniorin verlässt gerade eine Arztpraxis.

Früher bis vor wenigen Jahrzehnten gab es das in dieser Straße nicht oder kaum: moderne Arztpraxen. Fast jedes Haus war baufällig. In vielen dieser Häuser wohnten HausbesetzerInnen, die das beste aus den schwer bewohnbaren Überbleibseln aus dem Zweiten Weltkrieg machten. Sie reparierten die Häuser so weit wie möglich und verzierten sie mit Graffiti. Dann kam das Sanierungsgebiet. Der komplette Samariterkiez gehörte dazu. Ein Haus nach dem anderen wurde nach der Wende saniert. Mehr Grün wurde angepflanzt. Kitas und Spielplätze wurden gebaut.

Mit dem steigenden Wohnstandard im Kiez sanken gleichzeitig die Chancen der HausbesetzerInnen in der Rigaer Straße auf kostenloses Wohnen. Die Folge war, dass es heute nur noch wenige besetzte Häuser gibt. In der Rigaer Straße kauften viele BesetzerInnen ihre Häuser, so ein Anwohner. Heute sind sie in Wohngenossenschaften organisiert und selbst die EigentümerInnen.

und an Geschichte

Eine durchschnittliche Berliner Straße ist die Rigaer Straße trotzdem nicht. Unzählige Flyer und Plakate kleben an einem Teil der Häuser, teilweise in nicht mehr lesbaren Haufen übereinander, veraltete Ankündigungen von Demonstrationen und Konzerten, Aufrufe gegen Rassismus. Die Rigaer Straße ist einer der Orte, an denen sich in Berlin politischer Protest sammelt.

Und sammelte. Politischer Protest hat im Samariterkiez eine lange Geschichte. Sein Zentrum ist die Samariterkirche. Die Kirche wurde einst gen Ende des 19. Jahrhunderts im Deutschen Kaiserreich errichtet. Damals wurden Dutzende Kirchen in und um Berlin errichtet. Die Samariterkirche vor den Toren Berlins nahe dem damaligen Schlachthof der Stadt war eine dieser Kirchen. Das Kaiserreich versuchte der Politisierung der Gesellschaft durch mehr religiöse Stätten entgegenzuwirken. Was im Fall der Samariterkirche wenig gelang.

Die neugotische Backsteinkirche wurde zu einem Symbol für politischen Widerstand. Schon der evangelische Pfarrer der Kirche, Wilhelm Harnisch (1887 – 1960), wehrte sich im Nationalsozialismus gegen die Ausgrenzung von gesellschaftlichen Gruppen durch das Hitler-Regime und musste ins Gefängnis. Heute erinnert eine Gedenktafel am Eingang der Kirche an den Pfarrer.

In der DDR versammelten sich hier BürgerInnen die mehr Rechte für politisch Verfolgte in ihrem Land einzufordern versuchten. In der Kirche fand über Jahre hinweg der Friedenskreis der Samariterkirche Zuflucht, eine der wenigen Oppositionsgruppen in der DDR. Heute hilft die Samariterkirche speziell Flüchtlingen mit Aufenthaltsproblemen (soweit wie Kirchenrecht und staatliches Recht dies zulassen). Der Samariterkiez tut seinem Namen alle Ehre.

* Name von der Redaktion geändert.

(Artiklefoto: © J.Tust)

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