Alles Platte oder wat? Wie das Megaprojekt „Europacity“ Moabit verändern soll

Alles Platte oder wat? Wie das Megaprojekt „Europacity“ Moabit verändern soll

Eine der größten Brachen Berlins soll in den nächsten Jahren sukzessive zum neuen (Nobel-)Wohnquartier werden. Unter dem Stichwort „Masterplan Heidestraße“ hat der Senat ein Megaprojekt hinter dem Hauptbahnhof genehmigt. Nach Meinung der Stadtväter soll es ein modernes, belebtes, gut durchmischtes Stück Berlin der Zukunft werden. Angesichts der Pläne sind aber nicht nur Anwohner skeptisch.

Die Visualisierungen dessen, was am Nordufer hinter dem Hauptbahnhof – quer zur Heidestraße – entstehen soll, lassen so manchen den Kopf schütteln. Von der Stadt als „erfolgreiches Ergebnis einer durchgängig konsensuellen und dialogischen Arbeitsweise von Senatsverwaltung und Bezirk gemeinsam mit den Flächeneigentümern“ gepriesen, wirkt der Plan auf uns arme Laien auf den ersten Blick wie ein Sammelsurium an Plattenbauten. Ein architektonisch aufgemotztes Luxus-Marzahn ans Nordufer zu pappen kann ja wohl nicht der Ernst des Senats sein, so der erste Gedanke. Ist es aber – so der zweite, ernüchternde.

Riesige Wohn- und Geschäftsblöcke sollen das neue Stadtquartier prägen. Nach Vorstellung der Stadt und der Gewinner des Architekturwettbewerbs „KCAP/ASTOC/Studio Urban Catalyst“ wird ein boomendes, kieziges Wohnviertel entstehen. Es soll sich aus sechs Teilbereichen zusammensetzen, namens „Am Hauptbahnhof“, „Am Kunst-Campus“, „Boulevard Süd-West“, „Am Stadthafen“, „Boulevard West“ und „Am Nordhafen“.

Jedem Teilbereich hat man bestimmte Hauptfunktionen zugedacht. So soll etwa „Am Hauptbahnhof“ als architektonisches Gegenstück zum namensgebenden Bahnhof zentral um den „Europaplatz“ zum „städtebaulich bedeutenden Ort, mit Hochpunkten akzentuiert“ werden. Auf dem Plan sieht das dann so aus wie gewöhnliche (hässliche) Hochhäuser an einem Platz eben aussehen.

„Am Stadthafen“ hingegen sollen hauptsächlich Wohnungen entstehen. Auch wenn hier im Masterplan die Rede von „kleinteiligen Wohneinheiten“ ist, wirken die Visualisierungen wieder eher … hmmm … platt – im wahrsten Sinne des Wortes erinnern die geplanten Wohnblöcke nämlich ganz schlicht an Plattenbauten. Naja.

Vielleicht liegt es ja am mangelnden Verständnis der Autorin an Architektur der Zukunft. Aber was hier bislang zu sehen ist, weckt Erinnerungen an gescheiterte Zukunftsprojekten der Vergangenheit. Eine Erinnerung führt etwa ins weit entfernte Brasilien, dessen Hauptstadt „Brasilia“ noch immer ein Mekka für Anhänger des – zugegebenermaßen genialen – Architekten Oscar Niemeyer ist. Er plante die Megacity am Reißbrett. Aus dem Flugzeug wirkt die Stadt mit den riesigen Wohnblöcken und strukturell einzelnen Teilbereichen zugeordneten Vierteln bombastisch. Auch aus der Nähe sind einzelne Gebäude beeindruckende Zeugnisse architektonischer Denkkunst. Fürs Alltagsleben der Bewohner Brasilias allerdings erwies sich die in den 1960ern erbaute Stadt  allerdings als wenig tauglich. Die riesigen Wohn- und Geschäftsblöcke lassen kaum Kiezleben aufkommen. Wer es sich leisten kann, pendelt nur zum Arbeiten in die Stadt und wohnt woanders. Brasilia ist somit aus sozialer Sicht eine völlig gescheiterte Stadt – wenn auch eine architektonisch bedeutsame.

Dass Mega-Wohnblöcke, auch wenn man Nahversorgung, Galerien und Freiräume einplant, irgendwie selten Kiez-Gefühle aufkommen lassen, ist leider Fakt. Das sollte nach Jahrzehnten von gescheiterten (Plattenbau-)Megaprojekten endlich im Kopf von Stadtplanern und Stadtvätern angekommen sein. Dass es das nicht ist, zeigt – leider – wieder einmal der „Masterplan Heidestraße“.

Eine Betrachtung von Lisa Steiner

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