Wo ein Kiez ein Viertel ist

Wasserbecken auf dem Bayerischen Platz

Wo ein Kiez ein Viertel ist – Ein Streifzug durch das Bayerische Viertel

Eine Kiezreportage von Jeanette Tust

Das Bayerische Viertel liegt an den Rändern von Tempelhof-Schöneberg und Charlottenburg-Wilmersdorf. Einst war es deutlich größer, heute sind seine Grenzen die Hohenstaufenstraße im Norden, die Martin-Luther-Straße im Osten, der Rudolph-Wilde-Park im Süden und die Bundesallee im Westen.

Der Bär flattert. Auf der Berlinflagge an der Fahnenstange auf dem Rathaus Schöneberg. Alles ist wie üblich an der höchsten, von zahlreichen Orten im Bayerischen Viertel aus sichtbaren Stelle. Renate Friedrichs, 75, sitzt im Obergeschoss an einem Tisch des Café Haberland (19. Oktober). Die Anwohnerin ist eine der regelmäßigen AnsprechpartnerInnen in dem Café zur öffentlichen Dauerausstellung über das Bayerische Viertel. Zudem arbeitet sie ehrenamtlich im Vorstand des Vereins Quartier Bayerischer Platz. „Das Bayerische Viertel ist Berliner Großstadt und trotzdem beschaulich“, sagt sie.

An dem Viertel schätze sie das Gutbürgerliche: kleine spezialisierte Geschäfte in den Erdgeschossen der Häuser, etliche Bildungseinrichtungen wie die Alice-Salomon-Hochschule und der Lette-Verein, seine sichtbare Geschichte: Auf dem Balkon des monumentalen Rathauses Schöneberg hielt John-F.-Kennedy seine Berlin-Rede zur Zeit des Kalten Krieges. Die Regierung von Westberlin saß damals in dem Rathaus. Ohne die Luftbrücke der drei westlichen Alliierten wäre Berlin damals Besatzungzone der Sowjetunion geworden. Heute heißt der Platz vor dem Rathaus mit seinen 500 Räumen John-F.-Kennedy-Platz. Jeden Tag um 12 Uhr läutet eine große Glocke in dem 70 Meter hohen Rathausturm als Symbol von Freiheit. Vom Rias-Gebäude neben dem Rathaus Schöneberg wird nach wie vor Radio gesendet. Heute heißt der Rundfunk Deutschlandradio.

Viertel im Wandel

Etwa zehn Grad sind es auf den Straßen. Der Himmel ist bewölkt. Immer mal wieder nieselt es. Zielstrebig laufen BerlinerInnen am frühen Nachmittag durch die ruhigen Seitenstraßen. Die Hausfassaden, Alt- und Neubauten sind kaum mit Graffiti besprüht. Im Zweiten Weltkrieg wurde im Bayerischen Viertel viel zerstört. So viel, dass die ursprüngliche Größe des Viertels bis zur Tauentzienstraße heute nur noch an den Straßennamen ablesbar ist. Lebensweltlich haben sich längst mehrere Kieze gebildet, so um den Prager Platz und den Victoria-Luise-Platz.

Mitten durch den Bayerischen Platz wurde für den Autoverkehr die Grunewaldstraße gebaut. Einst befand sich hier der Springbrunnen des sogenannten Schmuckplatzes. „Schauen Sie mal: So sah der Bayerische Platz einmal aus!“, sagt Renate Friedrichs. Sie zeigt auf ein Schwarz-Weiß-Foto vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Der Platz war zu der Zeit eine aufwendig gepflegte Grünanlage mit gestutzten Hecken und PassantInnen mit Hüten, in Anzügen und breiten Kleidern. Wie auf dem Reißbrett sei das Bayerische Viertel in der damals neuen Stadt Schöneberg, vor 1899 ein Dorf, erschaffen worden: ein zentraler Platz, von ihm abgehenden strahlenförmig anliegende Straßen mit Reihenhäusern für überdurchschnittlich wohlhabende BerlinerInnen. Bis zu zwölf Zimmer hatte eine Wohnung. Während der Inflation in den 1920ern wurden die Großwohnungen dann in mehrere verkleinert.

Worauf beruht eigentlich der Name Bayerisches Viertel? Renate Friedrichs: Einer der Hauptinvestoren des Viertels, früher hieß das Terrainkaufmann, sei Bayernfan gewesen. Neben den bayerischen Straßennamen, einigen bayerischen Stilelementen in der Häuserarchitektur, der bronzenen Löwenfigur gegenüber des Café Haberland sowie einer bayerischen Gastronomie ist das Viertel allerdings nicht sonderlich bayerisch geprägt.

„Das gehört nicht zum Viertel.“

Auf jeden Fall geprägt ist es heute durch ein Straßenmahnmal: In vielen der Straßen hängen an Straßenpfosten etwa DinA2-große Schilder mit schwarz bedruckten Zitaten: „Juden dürfen nach 8 Uhr abends (im Sommer 9 Uhr) ihre Wohnungen nicht mehr verlassen.“ Das Zitat stammt aus einer Anordnung der Nationalsozialisten an die Berliner Bevölkerung im September 1939. Die systematische Ausgrenzung von Minderheiten und andersgläubigen Berliner-Innen hatte längst begonnen. Tausende AnwohnerInnen des Bayerischen Viertels wurden Opfer des Holocaust.

Heute erinnern die Straßenschilder, Stolpersteine und eine Ausstellung mit Biografien im Rathaus an diese Vergangenheit. Und wie wirkt sich die neue Registrierungsstelle für Kriegsflüchtlinge im Straßenblock zwischen Badenscher Straße und Waghäuseler Straße an der Bundesallee aus? „Das gehört nicht zum Viertel.“, ist Renate Friedrichs kurze Antwort.

Hoffnung auf mehr TouristInnen

Die Arbeit des Vereins Quartier Bayerischer Platz ist nicht uneigennützig. Das sagt Renate Friedrichs ganz offen: Die vielen Reisebusse, die wegen des Straßenmahnmals regelmäßig das Viertel durchfahren, sollen anhalten. Und einkaufen. Auch deswegen gibt es das Café Haberland mit Ausstellung im Bahnhofsgebäude des Bayerischen Platzes. Die Kulturgeschichte des Viertels sei dabei das wichtigste Vermarktbare.

Gegen 18 Uhr ist ein Teil der Geschäfte im Bayerischen Viertel bereits zu. Gegen 18.30 Uhr ist es in den Straßen fast dunkel. „Komm herunter, Mann!“, fordert im Park auf dem Bayerischen Platz ein leicht betrunkener Anwohner namens Mustafa einen stark betrunkenen Anwohner namens Frankie auf. Dabei schlägt er ihn leicht mit einer flachen Hand auf den Oberkörper. Der stark Alkoholisierte läuft wankend hin und her und spricht mit ansteigender Lautstärke. Vier weitere mehr oder weniger betrunkene AnwohnerInnen über 40 sitzen neben ihnen auf einer Bank. „Das ist unsere Wohnstube hier.“, erzählt Mustafa. Sie seien Teil einer etwa dreimal so großen Clique, die sich seit vielen Jahren hier treffe. Auch im Winter? Auch im Winter, so die Antwort. Die Gruppe unterhält sich weiter.

Unter ihnen auf dem Bahnsteig des U-Bahnhofs Bayerischer Platz geht die Ausstellung zu dem Viertel mit großformatigen Schwarz-Weiß-Fotos weiter. Es scheint, als ob ein Teil der Vergangenheit wieder Gegenwart werden soll. Hoffentlich wird es der richtige Teil.

(Artikelfoto: Wasserbecken auf dem Bayerischen Platz | Foto: Tust)

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