Kiezreportage: Wohnen im Weltkulturerbe

wohnen im weltkulturerbe

Ein Streifzug durch die Siedlung Schillerpark. Die Siedlung im Ortsteil Wedding im Bezirk Mitte grenzt nordwestlich an die Kleingartenkolonie Freudental, im Osten an den St. Johannes Evangelist Kirchhof, im Süden an den Urnenfriedhof Seestraße und im Südwesten an die Edinburger Straße.

Die werdende Busfahrerin tritt auf das Gaspedal. Ein Stück nach Vorne. Rückwärtsgang. Ein Stück nach hinten. Das war zu viel! Gaspedal. Wieder ein Stück nach vorne. Vielleicht hat sie Schweiß auf der Stirn. Das ist vom Wegrand am Schillerpark nicht erkennbar. Erkennbar ist, dass ein Fahrlehrer und eine Fahrprüferin neben und hinter ihr sitzen. Die etwa 40-jährige Frau soll den einstöckigen BVG-Bus mit dem Kennzeichen BV-1410 zwischen zwei Baucontainer einparken. Nach einer Weile hat sie es geschafft und schaltet den Motor ab. Der zuschauende Kleingärtner am Zaun des gegenüberliegenden Schrebergartens zieht noch mal an seiner Zigarette. Anschließend geht er wieder in seine Gartenlaube und schließt die Tür.

Es ist frühlingshaft warm an diesem Montagvormittag im März. Bei rund 12 Grad und leichtem Nebel zwitschern Vögel an der Parkseite der Dubliner Straße. Kaum jemand ist unterwegs. Einige HundehalterInnen führen ihre Hunde aus.

Kiez oder Siedlung

Was unterscheidet eigentlich eine Siedlung von einem Kiez? Ist die Siedlung Schillerpark ein Kiez? Geografisch und architektonisch ist sie von den umliegenden Straßenzügen klar abgrenzbar. Historisch hat sie eine eigene Geschichte. Die knapp 600 Wohnungen der Siedlung Schillerpark werden gemeinsam von der Baugenossenschaft 1892 verwaltet und unterhalten. Geschäfte gibt es wenige, in der Nähe in der Müllerstraße dafür das Schillerpark-Center mit großen Supermarkt. Aus der Straße hallte von Weitem her die Sirene eines Feuerwehrautos herüber.

Tagsüber fliegt immer wieder ein Flugzeug vom nahegelegenen Flughafen Tegel über das Viertel. Es gibt gemeinsame Feste wie den jährlich gefeierten Tag des Weltkulturerbes. Ein Concierge-Büro ist eine zentrale Anlaufstelle für Probleme und Bedürfnisse in der Siedlung Schillerpark, von Kopieren über Konzertticketkauf bis zu Postversand. Ja, die Siedlung Schillerpark ist ein Kiez.

Schillereiche

Der Kiez liegt in einem größeren Areal, dessen historischer Name Englisches Viertel blass weiterverwendet wird. Im Zuge des Besuchs eines britischen Königs 1909 sollen mehrere Straßenzüge im Ortsteil Wedding nach englischen Orten benannt worden sein, so die Oxforder Straße, die Cambridger Straße und die Edinburger Straße. Weitere Bezüge der Siedlung zu Großbritannien bleiben verborgen. Vielmehr sind die Verweise zu Friedrich Schiller prägender.

Anlässlich des 100-jährigen Gedenkens Berlins an den deutschen Gelehrten bekam der Schillerpark 1905 seinen Namen. Der Name sollte nicht der einzige Bezug zu ihm bleiben. Eine übermenschlich große Schillerskulptur überragt eine der vergleichsweise sehr großen Wiesen des 25 Hektar großen Parks. Links und rechts der Figur: zwei Türme an einer breiten, steinernen Terrasse. Auch wurde eine Eiche aus dem Geburtsort von Friedrich Schiller in dem Park verpflanzt und ist heute eines der prägenden Merkmale des Parks. Der Park hat zudem mehrere Spiel- und Sportplätze, ein Planschbecken, einen Rosengarten, mehrere Kunstskulpturen und im Vergleich zu anderen Berliner Parks abseits der Wiesen eine hohe Baumdichte.

Ein Eichhörnchen hüpft über die Bristoler Straße. Das Nagetier schlüpft unter einer Reihe geparkter Autos hindurch, und versteckt sich hinter einem Reifen. Kurze Zeit später versucht die Hündin Kira dem Nagetier hinterher zu jagen. Keine Chance. Zum Einen ist der Chow-Chow zu schwerfällig und langsam. Zum Anderen wäre da noch die Leine der Hundehalterin, die zieht. Eichhörnchen weg. Ihr Frauchen führt Kira weg vom Park, hin zu den Häusern im Nordosten des Kiezes.

Älter, als man denkt

Die Häuser in dem Kiez stehen unter Denkmalschutz. Ihr wahres Alter, 80 Jahre aufwärts, ist ihnen schwer anzusehen. Sie wurden erst vor wenigen Jahren saniert. Sie sind vom Stil her roten Backsteinbauten aus Amsterdam nachempfunden. Der Großteil der Häuser wurde als neue Siedlung wegen einer Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg in Berlin geschaffen. Der Gründerarchitekt war Bruno Taut (1880 – 1938), der auch die Hufeisensiedlung in Neukölln entwarf.

Beide Siedlungen sind Teil des Unesco-Weltkulturerbes. Drei- bis viergeschossige Reihenhäuser stehen hintereinander, durch offene Höfe getrennt, überwiegend mit Wintergärten und großen Fenstern. In einem hängt eine Hertha-BSC-Fahne. Neben einem anderen werben zwei bedruckte DinA4-Blätter hinter rostenden Reißzwecken und Klarsichtfolien zum Mitspielen in einer Tischtennisspielgemeinschaft ab 60 Jahre. Viele der AnwohnerInnen sind SeniorInnen. Wohl deshalb wirbt ein Flyer im Concierge-Büro zum Mitmachen bei der SeniorInnenvertretung des Bezirks Mitte. Ein anderer Flyer warnt vor Wohnungseinbrüchen im Kiez.

Am nordöstlichen Eingang zum Schillerpark liegen Papierumschläge und kleine Plastikrahmen von Sim-Karten für Mobiltelefone auf der Erde. Hoch in einem Baum über den Kindern hämmert ein schwarz-weißer Specht gegen den Baumstamm. Eine Kita-Gruppe mit zwei Erzieherinnen, einem Schiebewagen für sechs Kinder und über 20 Kleinkindern lärmt über den Müll hinweg zum Spielplatz wenige Meter weiter.

Park mit viel Platz

Auf einer der hügeligen Wiesen der einstigen Dünenlandschaft an der Stelle des Parks steht eine Erwachsene mit vier Kindern. Die etwa 50-Jährige steht mit vier Jungen in einem Kreis. Einige Familien sitzen in der Nähe auf Bänken und Decken. Richtig voll werde es in dem Park nicht, erzählt die Erzieherin. „Höchstens auf der Schillerwiese.“, sagt sie. Die Kindergruppe mit der Erzieherin spielt Ball. Wer den Ball fallen lässt, verliert. Ein etwa 12-Jähriger mit schwarzer Fliege und Basecap springt vor die Erzieherin: „Ich wohne hier! Ich kenne mich am besten aus!“ Kurze Zeit hat er das Gespräch vergessen und spielt weiter Ball.

Die Erzieherin hält inne. Sie blickt hoch an den Himmel und verfolgt den ruhigen Flug eines Vogels. „Ein recht großer Vogel, schön, schaut mal!“, sagt sie. Die Jungs beschäftigen sich weiter mit dem Ball. „Den Ball hast du schon wieder verkackt!“, ruft ihr ein Junge zu. Die Pädagogin wendet sich wieder ihrer Gruppe zu. Das Spiel geht weiter.

(Artikelfoto: © J.Tust)

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