Berlin heute: Gehasst und geliebt

Berliner hauen nach Leipzig ab, Leipziger zieht es nach Berlin. Den beschrienen Konkurrenzkampf der beiden Städte scheint niemand zu gewinnen. Und das ist auch gut so.

Fragt man Schriftsteller Kristjan Knall, gibt es viele Gründe, Berlin zu hassen – 111, um genau zu sein. Und so einige davon sind gar nicht so unberechtigt, wenn man ehrlich ist. Aus demselben Grund konnte man in den Medien in den letzten Jahren beobachten, wie zahlreiche Städte abwechselnd zur neuen „verlorenen Metropole“ ernannt wurden. Was Lebensqualität, Aufbruchsgefühl und Besuchswert anbelangt, hatten unter anderem schon Hamburg, Frankfurt und Dresden ebenso wie auch deutlich entferntere Kandidaten wie Athen oder Havanna diesen Titel inne. Besonders oft fällt aber ein Name: Leipzig.

Die verlorene Hauptstadt …

Die Erinnerung daran, dass die einst humorvoll als „Hypezig“ bezeichnete Stadt in Sachsen angeblich das „neue Berlin“ darstellen sollte, wurde erst letzten Monat wieder aufgefrischt: Ein irreführendes Werbeplakat hatte den in Sachsen landesweit bekannten Belantis-Park als „Berlins neuen Freizeitpark“ ausgewiesen. Erneut wurde über die angeblich bevorstehende Abgabe des sprichwörtlichen Staffelstabs gewitzelt, die in manchen Aspekten durchaus einleuchtend erscheint. Viele verlassen die Hauptstadt nämlich mittlerweile beinahe fluchtartig. Ein Grund ist dafür besonders ausschlaggebend: Der Mietspiegel, der uns im Mai dieses Jahres mit Schrecken erfüllt hat. 12,66 Euro pro Quadratmeter werden im Durchschnitt für eine 30-Quadratmeter-Wohnung verlangt. Dass die Studentenstadt Leipzig in diesem Punkt mit 7,79 Euro nach wie vor deutlich besser abschneidet, ist kein Geheimnis.

Die Aussicht auf ein angenehmes Leben in einem grünen, ruhigen und kinderfreundlichen Wohnumfeld zieht vor allem frischgebackene Familien nach Sachsen. Ähnliches gilt für Brandenburg, das aktuell als das beliebteste deutsche Bundesland gilt. Aber auch „Hipster“ und Touristen kommen verstärkt nach Leipzig, das mit spannender Kultur, Kunst und Architektur lockt, noch immer einige Geheimtipps birgt und vergleichsweise viel Ruhe vom Berliner Stadtleben verspricht.

… die niemals untergeht

Aber wenn die deutsche Hauptstadt wirklich am Ende ist, warum gehen trotzdem noch so viele Menschen dorthin, Leipziger eingeschlossen? Die Antwort: Wegen der unbändigen Vitalität, der multikulturellen Szeneviertel und des vielseitigen Stadtbilds. All das ist noch immer einzigartig, unersetzbar und unnachahmlich. Die ironische Tatsache, dass jede Stadt gern das neue Berlin sein will, zeigt letztendlich, was niemand so recht wahrhaben möchte: Berlin ist noch immer das Maß, an dem sich die anderen messen.

Darüber hinaus werden andere Städte von mindestens genauso vielen kritisch gesehen wie das „dicke B oben an der Spree“. So hat Autor Kristjan Knall neben seinem Berlin-Abgesang übrigens auch das Buch „111 Gründe, Hamburg zu hassen“ verfasst. Und vermutlich ließen sich noch viele weitere Bücher ähnlichen Titels schreiben. So bleibt also das irgendwie beruhigende Gefühl, dass sich übermäßiger Lokalpatriotismus und Metropolenverdrossenheit am Ende die Waage halten.

Artikelfoto: Flickr Berlin wall Abhijeet Rane CC BY 2.0 Bestimmte Rechte vorbehalten

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