Der mit dem Verfall spielt – Verlorenes Berlin in Bildern

Surreal. Irgendwie wie gemalt. Und doch nicht. Teils schaurig. So liest es sich, wenn man versucht Axel Hansmanns Bilder in Worte zu fassen (mehr Fotos online!!!). Geht irgendwie nicht gut. Der Berliner Fotograf hat sich auf „verlorene Orte“ spezialisiert. Für seine Fotos besucht er Plätze in Berlin (und anderswo), die kaum jemand noch kennt. Plätze, die gleichsam aus der Zeit gefallen sind, weil sie einfach nur mehr sind – ihrem ursprünglichen Zweck enthoben vor sich hin verfallend.

Davon gibt es weit mehr als die ehemalige US-Abhörstation auf dem Teufelsberg oder den verrottenden Vergnügungspark im Plänterwald.

Allein in Berlin hat Hansmann rund zehn dieser eigentümlichen „Denkmale“ erkundet. Meist sind es riesige Industrieruinen, wie etwa die ehemalige REWATEX-Großwäscherei der DDR in Spindlersfelde oder jene stillgelegte Futtermittelfabrik in Rüdersdorf, die auch Tom Cruise als Hollywoodkulisse diente. Aber auch kleinere „Schätze“ sind dabei, wie etwa das, was vom einst prunkvollen Gesellschaftshaus Grünau übrig ist.

Die genauen Adressen der verlorenen Orte verrät der Schöneberger Autodidakt übrigens nicht. Nicht etwa aus künstlerischen Narzissmus, sondern weil er sich als Teil der „Urban Explorer Community“ an eine Art Ehrenkodex hält. Mit den unter gleichem Namen beworbenen Touristen-Führungen durchs Tacheles haben die  „wahren“ Urban Explorer aber nichts zu tun. Ganz im Gegenteil: Was diese findigen  Geschäftemacher tun – mit Hunderten von knipsenden Touristen durch verfallende Gebäude laufen – ist Hansmann und seinen „Kollegen“ ein Dorn im Auge.

Solche Auswüchse zu verhindern, ist einer der Gründe, warum die „echten“ Urban Explorer die Lage der von ihnen dokumentierten Bauten vor der breiten Öffentlichkeit geheim halten. „Es ist ein Schutz für den Ort und auch Schutz für die Leute“, erklärt der 60-Jährige.

Axel Hansmann
Axel Hansmann

Erst wenige Tage vor dem Interview mit den „Berliner Lokalnachrichten“ ist der erfahrene Fotograf selbst in einem der alten Gemäuer gestürzt, glücklicherweise hat er sich dabei aber kaum verletzt. Das Risiko beim Betreten von Ruinen – so macht Axel Hansmann klar – wird vielfach unterschätzt. Jederzeit können Decken einbrechen, Mauerteile herabfallen oder morsche Holzböden unter den Füßen jener nachgeben, die sie arglos betreten. Das kann nicht nur arg weh tun. Unbedachte Entdecker können – auch ungewollt – vieles zerstören.

Genau das wollen die Urban Explorer verhindern. „Wir legen Wert darauf, nichts kaputt zu machen. Wir verändern nichts an den Orten. Auch nicht für Fotos. Da wird nichts bewegt oder zurechtgerückt“, erklärt der 60-Jährige eines der Grundprinzipien. Ein weiteres: „Keine Einbrüche. Wenn da eine offene Tür ist, klar gehen wir rein. Wenn da aber zum Beispiel ein vernageltes Fenster ist, dann versuchen wir nicht, das zu öffnen.“

Dass der gelernte Industriekaufmann und Diplomsoziologe sein Hobby mit den Jahren zum Beruf gemacht hat – bzw. dass es ihm zur Berufung geworden ist, liegt an einer schwer begrifflich fassbaren Faszination, die in Hansmanns Bildern spürbar ist. U

nd zwar vor allem in jenen, die verlorene Orte zeigen. „Eigentlich ist es eine Reise in die Vergangenheit. Es ist interessant, ihre Spuren zu sehen, zu sehen, was architektonisch noch erhalten ist, oder die Überbleibsel der letzten Nutzer. Andererseits ist faszinierend, zu sehen, wie die Natur etwas wieder zurück erobert“, erklärt Hansmann zwei von drei Faktoren, die für ihn den „Charme der Tristesse“ ausmachen. Der dritte ist „das Farbspiel durch den Verfall, der für die Fotografie besonders reizvoll ist“. Wer nämlich denkt, dass Axel Hansmann seinen Arbeiten mit Farbfiltern nachträglich ihr Aussehen gibt, der irrt gewaltig.

Ja, er bearbeitet die Bilder. Allerdings ganz anders. Hinter dem eigentümlich-mystischen Stil, mit dem der Fotograf die entrückte Marodität der Ruinen betont, steckt HDR-Technologie. Ganz vereinfacht erklärt, wird jedes Motiv drei Mal abgelichtet. Einmal „normal“, einmal völlig überbelichtet und einmal viel zu dunkel. Diese drei Bilder werden dann übereinandergelegt. Das ergibt die „krassen“ Farben. Danach arbeitet Hansmann mit Photoshop (Anm. bekanntes Bildbearbeitungsprogramm) nach eigenen Angaben nur mehr die Kontraste schärfer heraus.

Axel Hansmann ist über seinen Blog fotoausstellung.wordpress.com erreichbar. Neben verlorenen Orten fotografiert er auch gerne Architektur und Beauty&Fashion.

Mehr Infos zu „Urban Exploring“ unter anderem auf:
http://the-ost-world.blogspot.de/
www.facebook.com/RottenRuins  (Schwerpunkt Berlin)
http://www.rottenplaces.de  (deutschlandweit)

(Fotos: © Axel Hansmann)

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