Kreuzberg ist mehr als eine Marke

Südliche Friedrichstraße

Ein Streifzug durch den Kiez Südliche Friedrichstraße 

Der Kiez Südliche Friedrichstraße liegt im Nordwesten des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Nördlich grenzt er an die Mauerstraße und Rudi-Dutschke-Straße, östlich an die Lindenstraße, südlich an das Hallesche Ufer und westlich an die Wilhelmstraße.

„Das ist hier das schönste Haus von Kreuzberg!“, sagt Sebastian.* Der Vierziger hat sich gerade auf einen alten Sessel sein Haus gesetzt. Es liegt gleich schräg gegenüber von der Bundeszentrale der Sozialistischen Partei Deutschland (SPD). Dort wo bei Wahlen und anderen politischen Ereignissen immer wieder Fernsehteams stehen und filmen. Hier am Haus, genauer gesagt am Tommy Weisbecker Haus, passiert das weniger oft.

Sebastian lässt seinen Hund frische Straßenluft schnüffeln und steckt sich eine Zigarette an (19. September). Viele schöne Häuser in Kreuzberg seien längst abgerissen worden, erzählt der schlanke Mann mit Gesichts-piercings und metallenen Stacheln an der Weste. Seins nicht.

Er wohnt ja auch in einem speziellen Haus: Draußen viele kleine und große Kunstgraffitis, drinnen ein sozialpädagogischer Ort mit festangestellter Sozialarbeiterin für junge TrebegängerInnen. So wie Sebastian einer war. Er verließ seine Familie in jungen Jahren, ging auf die Straße und landete dann hier, in einem Haus mit dem Namen eines einst von einem Polizist erschossenen jungen Mann namens Tommy Weisbecker. Die Hausgemeinschaft beschreibt sich auf der eigenen Internetseite als selbstverwaltetes Projekt. Sebastians Smartphone klingelt und er verschwindet zurück ins Haus.

Interkultureller Kiezgarten

Der Himmel wird an diesem herbstlichen Nachmittag zu-nehmend wolkig. Noch ist er blau bei etwa 16 Grad. Laub liegt stellenweise auf den Straßen und in den Parkanlagen. Kaum jemand geht in der Franz-Klühs-Straße durch die sorgsam gepflegte öffentliche Grünanlage mit den Hecken, Bäumchen und Rosensträuchern. Die beige angestrichenen Sitzbänke und Mülleimer aus Metall sind leer. Die lebendige Geräuschkulisse kommt anderswo her.

In neonorange heißt es auf einem kleinen Zettel am Außengeländer des Interkulturellen Kiezgartens: „Vorsicht: Köder zur Ratten- und Mäusebekämpfung ausgelegt.“ Das verantwortliche Unternehmen für Schädlingsbekämpfung hat in einer Liste von Giftmitteln ist „Alpharatan BF forte“ angekreuzt. Dahinter spielen drei Jungs Fußball.

Sie sind nicht die einzigen Kinder in dem Kiezgarten des Vereins Kreuzberger Musikalische Aktion. Andere sitzen mit Eltern an Tischen oder laufen durch die benachbarten Straßen. Im Kiez um die Südliche Friedrichstraße gibt es viele Kinder.

Das von Yussuf geht in die nahe gelegene Galileo-Grundschule, erzählt er.* Der 39-jährige gelernte Koch ist es, der den Kiez als familiär beschreibt. Er nennt seinen Kiez allerdings nicht Südliche Friedrichstraße. Er sagt Mehringplatz, obwohl er immer in den Theodor-Wolff-Park eine Ecke weiter geht, seine Einkäufe hauptsächlich beim Lidl in der einige hundert Meter entfernten Charlottenstraße erledigt und von dem noch relativ neuen Frauenzentrum Tam an der Stresemannstraße als Einrichtung im Kiez erzählt. Sein Kiezbild ist so durcheinander wie die gesamte Struktur um die Südliche Friedrichstraße. Teilweise durch den Zweiten Weltkrieg, teilweise durch kurzfristige Planungen, teilweise Überbleibsel aus dem 18. Jahrhundert: In dem Kiez stehen Bundeseinrichtungen neben friedlichen Siegesstatuen, neben teuren Eigentumswohnungen, Sozialwohnungen und Uschis Kneipe. Bunt, kann man sagen.

Keine Gangs mehr

Zurück zu Yussuf: Er sitzt mit Bekannten vor der Glückspielstätte Totobet in der Friedrichstraße Nummer 246. Hier endet und beginnt die lange Friedrichstraße. Schräg gegenüber liegt Haus Nummer 1. Immer mal wieder kommt jemand zu der Männergruppe dazu oder geht. Stühle werden von drinnen nach draußen geholt. Yussuf bleibt in Jeans auf dem Bordstein sitzen. Seit rund 15 Jahren lebt er überwiegend im Kiez. Zeitweise arbeitete er als Koch in Norwegen, fuhr Winterdienste in Charlottenburg-Wilmersdorf. Heute kellnert er abends in einer Gastronomie in Prenzlauer Berg.

Vieles im Kiez sei besser geworden, sagt er: „Es ist ruhiger geworden.“ Die Gangs von früher seien weg. Für AnwohnerInnen gibt es viele Veranstaltungen wie beispielsweise Theaterkurse, gemeinsames Essen im Integrations-haus oder das Straßenfest am 26. September von 12 bis 18 Uhr: mit einer langen Tafel in der Friedrichstraße mit Essen aus unterschiedlichen Kulturen, Kindertanz, einer Zaubershow und arabischem Gesang.

Yussuf nickt einem in die Glückstätte gehenden jungen Mann zu. Türkisch, arabisch, jugoslawisch, italienisch … trotz der sehr unterschiedlichen Nationalitäten in erster bis dritter Generation sei es familiär im Kiez. Was auch daran läge, das hier viele Familien leben. In einigen Wohnungen würden derzeit sogar bis zu zehn Menschen wohnen, da langjährige AnwohnerInnen geflohene Verwandte aus Kriegsgebieten aufgenommen haben.

Gutes Quartiersmanagement

Wie er die Zukunft im Kiez sieht? Positiv. Es gebe kaum Probleme. Das Quartiersmanagement mache viel, um den Alltag zu verbessern. Bänke werden aufgestellt, neues Grün angepflanzt, Häuser saniert und der gesamte Mehringplatz neu gestaltet. Neue Spielgeräte auf dem Platz seien bereits zugänglich. Hat er Angst vor Gentrifizierung hier? „Ich glaube, der Kiez bleibt alternativ.“ Wohl nicht zuletzt wegen dem schwer entfernbarem Asbest in den kleinen bis großen Wohnblöcken tausenden Neubauwohnungen in vierstöckigen bis 18-stöckigen Häusern.

„Willkommen auf dem Pfad der Visionäre der Welt“, steht neben Yussuf zu Beginn der stillgelegten Friedrichstraße auf einer der vielen künstlerisch gestalteten Fußplatten. Mehrere Botschaften haben hier bereits jeweils eine Platte mit ihrer Landesflagge bestückt und Zitate von Berühmten aus ihren Ländern angebracht. Auf der USA-Platte wird Martin Luther King zitiert: „Letztendlich wird ein Mensch nicht daran gemessen, was er in Augenblicken der Sorglosigkeit und Bequemlichkeit tut, sondern in Zeiten der Herausforderung und des Streites.“ Ganz genau.

* Name von der Redaktion geändert.

(Artikelfoto: Neubauwohnung aus den 1960ern (r.) neben saniertem Altbau-Sternehotel  / Fotos: Tust)

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