LEO, der Platz! – Ein Blick auf und über den Berliner Leopoldplatz

Berlin-Leopoldplatz - Berliner Lokalnachrichten
Berlin-Leopoldplatz - Berliner Lokalnachrichten

Das Viertel um den Berliner Leopoldplatz im Ortsteil Wedding in Mitte ist klein für Berliner Verhältnisse. Die Maxstraße ist seine nördliche Grenze, die Antonstraße die östliche, die Genter Straße die südwestliche, die Utrechter Straße die westliche.

„Adolf war der uneheliche Sohn von Anna Maria.“, behauptet Achim Möller*. Der Rentner steht mit Pulli, Mütze und ohne zwei Finger an der rechten Hand in der Galerie Wedding (24. Januar). Der frühere Fleischer unterhält sich mit dem gut 60-jährigen Galerist Helmut Meyer*. Der tippt auf seinem Smartphone Wissenslücken bei der Suchmaschine Google ein. Aktuell behandeln die Suchbegriffe die Familiengeschichte von Adolf Hitler.

Zwei Meter entfernt hängt die Bildreihe „Die Wächterin“ von Manuela Sambo an der Wand. Die Ölbilder gehören zur Ausstellung „Afr!ka Begegnungen“ des Künstlers Mansour Ciss Kanakassy. Sie zeigen sechs Frauen mit nackten Oberkörpern. Die zwei Männer gegenüber reden weiter über vergangene Zeiten. Frage, wer war eigentlich Leopold, der Namensgeber des Leopoldplatzes?

Google gibt keine eindeutige schnelle Antwort, die Zwei wissen es nicht. Sie wissen nicht, dass der Platz, den einige in dem Viertel liebevoll Leo nennen, nach dem Militär Leopold I. benannt worden ist. Leopold I. eroberte Rügen und Stralsund. Er führte den Stechschritt in die Preußische Armee ein. Während Achim Möller fortfährt und von seiner Zeit als Fleischer in Friedrichshain erzählt, holt sich der Galerist einen Wischmob und streicht damit singend über den Linoleumboden der Galerie.

Knotenpunkt
Draußen bedeckt eine dünne Schicht Wolken den Himmel. Ein Thermometer zeigt auf – 4 Grad Celsius. Der Verkehr rauscht über den 91 Jahre alten U-Bahnhof Leopoldplatz. Menschen laufen, warten, steigen um oder kaufen ein. Vor dem Kaufhaus Karstadt qualmt Rauch von einem Stand Süßwaren in Richtung des Kaufhaus-Erdgeschosses. Es riecht nach Zuckerwatte. Einige Meter weiter rückt sich ein etwa vierjähriges Mädchen die Mütze zurecht. Sie holt aus und kratzt festgetretenen Schnee mit ihren Handschuhen zusammen.

Das ehemalige Rathaus Wedding einige hundert Meter weiter in der Müllerstraße wirkt vernachlässigt. Die aufwendig gemalte Werbung auf Holztafeln für örtliche Fachgeschäfte ist veraltet. Die meisten der Geschäfte gibt es nicht mehr. Die Ankündigung eines Aktionstages für Fairtrade-Kaffee: längst abgelaufen. Der automatische Türöffner für einen barrierefreien Zugang in das gelblich-grün gekachelte Foyer des Verwaltungsgebäudes: kaputt.

Um den Leopoldplatz stehen insolvent gegangene Geschäfte verwaist. Zerbrochene Schaufensterscheiben sind notdürftig geklebt. Casinos florieren. Ein Spielplatz auf dem Leopoldplatz hinter der Alten Nazarethkirche liegt unmittelbar neben einem Handelsplatz für Junkies.

Berlin saniert
Der Berliner Senat und das Abgeordnetenhaus erkannten Missstände um den Leopoldplatz. „Die Müllerstraße im Wedding ist ein Zentrum mit hohen Nutzungs-/Gestaltungsdefiziten und hoher sozialer Problemdichte.“, beschreibt ein Dokument des Stadtparlaments die Situation. Seit drei Jahren ist der Leopoldplatz Teil des Sanierungsgebiets Wedding/Müllerstraße. Einzelne Maßnahmen sind angelaufen. So wird die kleine Schiller-Bibliothek nahe dem Rathaus erweitert. In dem von der Stadt mitfinanzierten Gemeinschaftsgarten Himmelbeet in der Ruheplatzstraße können AnwohnerInnen seit einem Jahr Beete pachten, jäten und Bienenvölker pflegen.

Bleibt noch viel zu tun, findet Ramadan Sahkru. Der 45-jährige Junkie sitzt in dem Casino Totobet direkt über dem U-Bahnhof Leopoldplatz. Um ihn herum sitzen einige andere Männer. Sie spielen an Automaten oder unterhalten sich. Ramadan Sahkru dreht sich eine Zigarette. Die Luxemburger Straße vor dem Fenster habe gerade einmal einen Mülleimer. Der Radweg sei gefährlich uneben. Die Straßengeländer rosten. Er zieht an der Zigarette. Seit 30 Jahren rauche er. Täglich injieziert er sich Drogen. Alkoholiker ist er auch. Drei Biere pro Tag.

Früher Kottbusser Tor, heute Leopoldplatz

Trotz seiner Abhängigkeiten beurteilt er die Probleme am Leopoldplatz aus verschiedenen Perspektiven. Die Nähe von Kindern zum Käfig störe auch ihn. Käfig, so nennt er den Treffpunkt für Junkies hinter der Alten Nazarethkirche. Der Käfig ist ein kleiner Platz mit einem beheizten Toilettenhäuschen. Zwei gut 1,50 Meter hohe Mauern umranden den Platz. Sie bestehen aus verbogenen Absperrgittern mit einer Füllung Pflastersteinen. „Nur, wo sollen wir sonst hin?“, fragt Ramadan Sahkru.

Sie seien nirgendwo willkommen. Mehrmals in der Woche käme die Polizei an den Leopoldplatz und mache Razzia am Platz und in den umliegenden Häusern. „Was früher das Kottbusser Tor war, ist heute der Leopoldplatz.“, ergänzt ein Mann am Tisch von Ramadan Sahkru.

Schritt für Schritt
In der Schillerbibliothek 150 Meter weiter hängt ein Poster. Das Poster zeigt Fotos von Menschen zusammen mit Fragen: „Zu lesbisch für die neue Wohnung?“, „Zu schwarz für den Stadtteil?“, „Zu alt für den Job?“ Diskriminierung habe viele Gesichter, steht auf dem Poster. „Gleichbehandlung ist Ihr gutes Recht.“

Schräg unter dem Poster sitzt Sami. Der 43-Jährige lernt seit zwei Jahren Deutsch. Schritt für Schritt. Er lernt für die Deutschprüfung B1. Vor ihm liegt ein Deutsch-Lehrbuch. Daneben ein handbeschriebenes DinA4-Blatt mit Vokabeln: Schön,  Hässlich. Wer bist du?

Sami komme oft in die Bibliothek, erzählt er ruhig auf Englisch. Hier fühle er sich wohl. Der Baulärm von dem Erweiterungsbau, die Warnung der Bibliothek vor Dieben, der fehlende mehrsprachige Verweis auf eine Toilette im Nachbargebäude – er weiß von keiner und gehe immer zu der am Käfig –, sich laut unterhaltende andere BesucherInnen der Bibliothek: Sie alle halten ihn nicht vom Lernen ab. Sami geht zum Regal, bückt sich, rückt behutsam einige Bücher beiseite und schiebt das Deutsch-Buch in die Lücke. Für heute ist Feierabend.

* Name von der Redaktion geändert.

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