Radfahren in Berlin – Lebensgefährlich oder die Zukunft?

Radfahren in Berlin

Wie Berlin aussieht, wenn fast nur Radler unterwegs sind? Das konnte man vor kurzem, (14. Juni) eindrucksvoll erleben. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club ADFC hatte zur alljährlichen Sternfahrt geladen.

120.000 Radfahrer folgten dem Ruf und fuhren auf insgesamt 19 Routen vom Stadtrand zum Brandenburger Tor. Für die Autofahrer hieß es daher flächendeckend: Nichts geht mehr – sogar auf so manchem Autobahnabschnitt. Denn auch die Avus und die A100 (Südring) waren am Sonntag den Drahteseln vorbehalten.

Das Fahrerlebnis der Sternfahrt hat allerdings wenig mit dem Alltag eines Berliner Radfahrers zu tun. Der ist gepflastert von Schlaglöchern, maroden oder inexistenten Radwegen und wenig Rücksicht stärkerer Verkehrsteilnehmer. So war vergangenes Jahr jeder Fünfte Verkehrstote in Berlin ein Radler (insgesamt starben 2014 – 52 Menschen bei Unfällen auf den Straßen der Hauptstadt).

Versprechungen, die Lage zu verbessern, gibt es seit Jahren. Getan hat sich aber wenig. Trotz der bereits vor zehn Jahren vom Senat beschlossenen Radverkehrsstrategie. Der ADFC, der in die Planungen beratend eingebunden ist, spricht mittlerweile offen von „Frustration“.

Deshalb hat der Rad-Club jetzt selbst einen Masterplan erstellt, wie man den politischen Beschluss endlich umsetzten könnte. Die Eckpunkte: Geld und Personal. 30 Millionen Euro und 200 neue Stellen in der Verwaltung und bei der Polizei würde es laut den Experten brauchen, um Berlin zu einer echten fahrradfreundlichen Stadt zu machen.

Laut ADFC sieht das Budget der Stadt 2015 nur sechs Millionen Euro für Investitionen in den Radverkehr vor, laut Senat 14 Millionen Euro. Die weit auseinander klaffenden Zahlen erklärt man beim Rad-Club damit, dass die Stadt auch Maßnahmen einrechnet, die allen Verkehrsteilnehmern zugutekommen. Wie dem auch sei – auch 14 Millionen Euro sind nicht einmal die Hälfte von dem, was der ADFC für nötig hält. Klar, 30 Millionen Euro pro Jahr klingt extrem viel.

Tatsächlich liegt der Betrag noch unter jenem, den der Bund im Nationalen Radverkehrsplan vorsieht: Demnach sollten nämlich alle Kommunen pro Jahr und Einwohner 10 Euro investieren. Das wären dann bei 3,5 Millionen Berlinern noch mal ein paar Milliönchen mehr.

Knapp die Hälfte des Geldes würde laut ADFC-Masterplan für neues Personal draufgehen. Dieses wäre nötig, um die Maßnahmen auch umzusetzen. Denn derzeit bleibt sogar jedes Jahr aus dem Rad-Budget was liegen, weil die zuständigen Verwaltungsstellen (z.B. Verkehrslenkung, Bezirksämter) überlastet sind.

Zehn zusätzliche Posten sollte es aus Sicht der Rad-Lobby bis 2017 direkt im Verkehrssenat geben. Weitere 132 Stellen müssten laut ADFC in den Bezirken geschaffen werden. Der Löwenanteil davon: Mindestens zehn neue Ordnungsamts-Mitarbeiter pro Bezirk. Daneben sollte jeder Bezirk noch einen technischen Ingenieur einstellen, der auf Radverkehr spezialisiert ist. Die restlichen 60 Stellen wünscht man sich für die Polizei, zur Ausweitung beziehungsweise Fortsetzung der Fahrradstaffel. Derzeit radeln 20 Cops in Berlin, allerdings nur in der Innenstadt und als Pilotprojekt befristet auf zwei Jahre. In einer echten Fahrradstadt Berlin sollte es pro Bezirk fünf radelnde Polizisten geben, meinen die ADFC-Experten. Denn einerseits machen auch Radfahrer nicht alles richtig im Verkehr. Andererseits bekommen Polizisten, die selbst mit dem Rad unterwegs sind, einen besseren Eindruck davon, wie man sich als Alltagsradler in Berlin fühlt.

Unterstützung für die Forderungen des ADFC kommt auch aus der Politik. Grüne und Piraten wollen den Radverkehr offensichtlich zum Wahlkampf-Thema machen. Mal sehen, wie sie damit bei den Wahlen 2016 punkten – und vor allem, was dann in den kommenden Jahren tatsächlich in Sachen Radverkehr umgesetzt wird.

(Artikelfoto: cunaplus/ www.fotolia.com)

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