Unerhörte Stimmen: Einweihung einer neuen Hörstation zu Renate Schottelius

Renate Schottelius als junges Mädchen. Foto: privat
Renate Schottelius als junges Mädchen. Foto: privat

Renate Schottelius hatte einen aufsehenerregenden Lebenslauf: Die kleine Elevin an der Städtischen Oper Berlin ging mit 14 Jahren allein ins Exil nach Argentinien, um der Bedrohung als sogenannte Halbjüdin im nationalsozialistischen Deutschland zu entgehen. Sie verhalf dem Modernen Tanz in Argentinien zu Anerkennung, wirkte nicht nur als Tänzerin, sondern auch als Tanzpädagogin.

Nachdem sie bereits in Berlin bei Mary Wigman Unterricht genommen hatte, entwickelte sich Renate Schottelius in Argentinien tänzerisch weiter. Dort hatte der Ausdruckstanz oder der Modern Dance noch keine große Bedeutung erlangt. Renate Schottelius leistete ihren Beitrag zur Entwicklung, wurde Solotänzerin, baute eine eigene Compagnie auf, ging für sechs Jahre in den USA und arbeitete dort u. a. mit Martha Graham zusammen. Es folgten noch weitere sechs Jahre in Schweden, bis sie wieder nach Argentinien zurückkehrte und dort am Teatro San Martin als Choreographin und als Tanzpädagogin ihre Spuren hinterließ. Mit der Hörstation wird das bereits vorhandene Album zu Renate Schottelius ergänzt. So kann man in der Ausstellung WIR WAREN NACHBARN ihrer Stimme lauschen: Über ihre freie und doch behütete Kindheit, ihren Weg ins Exil, ihre Erfahrungen in Argentinien, ihre Haltung zur jungen Generation. Sie zieht Bilanz, die nicht immer frei von Bitterkeit ist. Letztendlich ist sie jedoch überzeugt davon, dass es ein reiches und vielfältiges Leben war.

Bei der Veranstaltung wird auch der argentinische Botschafter, S.E. Edgardo M. Malaroda ein Grußwort sprechen, ebenso ihr ehemaliger Schüler, der Choreograph Daniel Goldin. Filmisch untermalt wird die Biografie von Renate Schottelius vorgestellt, ergänzt durch Ausschnitte aus der neuen Hörstation.

  • Wann: Donnerstag, 25. Oktober 2018, 19:00 Uhr
  • Wo: Rathaus Schöneberg, Goldener Saal

Eintritt Frei!

Jahresthema „Unerhörte Stimmen“

Der diesjährige Schwerpunkt der Ausstellung „WIR WAREN NACHBARN − Biografien jüdischer Zeitzeugen“ steht unter dem Titel „Unerhörte Stimmen“. Über Hörstationen werden die akustischen Erinnerungen von Menschen, die im Bezirk gelebt haben, den Besuchern nahe gebracht. Neben den schon vorhandenen Hörstationen werden in diesem Jahr weitere Originaltöne von Zeitzeugen in der Ausstellung präsentiert. Von prominenten Musikern, wie den Comedian Harmonists oder dem Tenor Joseph Schmidt, werden akustische Beispiele ihrer Kunst hör- und erfahrbar gemacht.

Schottelius 1936
Schottelius 1936

Die Tänzerin Renate Schottelius

Als Kind begann Renate Schottelius (1921−1998) ihre tänzerische Ausbil- dung an der Städtischen Oper Berlin, an der auch Mary Wigman unter- richtete. Ihre Eltern, der Vater war Schriftsteller und Archäologe, die Mut- ter Pianistin, unterstützten sie auf ihrem Weg. Nachdem die Nazis an die Macht gelangt waren, musste sie erleben, dass sie als „Halbjüdin“ in ihrer Schulklasse ausgegrenzt wurde. Mit nur 14 Jahren verließ sie 1936 Berlin und ging zu ihrem Onkel nach Argentinien. Ihre Eltern konnten drei Jahre später noch nach Kolumbien ins Exil gehen, wo der Vater starb. Renate Schottelius musste derweil als Sekretärin für ihren Lebensunter- halt sorgen und konnte sich erst Anfang der 1940er Jahre hauptberuflich dem Tanz zuwenden, zeitweilig als Solotänzerin. Bei Aufenthalten in den USA arbeitete sie u. a. mit Martha Graham zusammen. Nach sechs Jahren in Boston lebte sie mehrere Jahre in Schweden, bis sie wieder dauerhaft nach Buenos Aires zurückkehrte und bis zu ihrem Lebensende als Tanz- pädagogin und Beraterin am Teatro San Martin wirkte.

In der neuen Hörstation sind Ausschnitte eines Interviews mit Renate Schottelius aus dem Jahre 1992 zu hören. Hier berichtet sie davon, wie sie als junges Mädchen die Trennung von ihren Eltern erlebte und was es für ihre künstlerische Entwicklung bedeutete, nicht kontinuierlich ausge- bildet worden zu sein. Sie beschäftigt sich auch mit der Frage, wie sie zur Religion steht und wo sie hingehört. Voller Überzeugung und Emphase erklärt sie, dass sie Argentinierin geworden ist – ein Land, in dem sie auch schwierige Zeiten zu durchstehen hatte.

Den Flyer zum Programm kann man hier als PDF herunterladen.

Fotos: Renate Schottelius/privat

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