Die Düttmann blüht

Duettmann-Siedlung

Blühende Landschaften wurden versprochen – eine blühende Nachbarschaft gibt es. Zu finden in der Kreuzberger Werner-Düttman-Siedlung nahe dem Hermannplatz.

In diesem Oktober endet dann wieder der alljährliche Garten- und Balkon-Wettbewerb und dem Sieger stiften die Eigentümer der Siedlung eine Netto-Kaltmiete. Man sieht gepflegte Blumenkästen, Balkone und Gärten mit duftenden Blumen, prallen Büschen und bunten Stauden.

Laut dem langjährigen Hausmeister Herrn Wegener war das hier aber nicht immer so. Es gab graue Zeiten hier, sehr graue. Geht man mit ihm durch die Siedlung, wird er von allen Seiten freundlich gegrüßt. Die meisten nennen ihn Frank. Seit zwölf Jahren, seit es ruhig, nachbarschaftlich und sauber wurde in dieser ehemaligen Vorzeige-Siedlung. Eine. Gebiet mit wechselvoller Geschichte. Einem Stück Kreuzberger Geschichte.

Gelegen zwischen Graefe-, Urban-, Jahnstraße und Hasenheide, entstand Anfang der 1980er Jahre die Siedlung im Rahmen der Internationalen Bauausstellung. Geförderter Sozialer Wohnungsbau – für ein soziales Miteinander mit überwiegend familiengerechte Wohnungen. Die Hälfte der Bewohner sind Kinder. Das Konzept ging nicht auf. Einkommensschwache Mieter wurden vom Bezirksamt vorgeschlagen, zogen ein und das Interesse der Eigentümer schwand. Es wurde nicht investiert, nicht repariert, nicht gepflegt und allmählich wandelte sich die Verbindung zwischen Verwaltern und Bewohnern in Feindseligkeit. Bis einer Vertreterin der häufig wechselnden Hausverwaltungen mit Zaunlatten gedroht wurde. Familienverbände übernahmen die Kontrolle. In der Tiefgarage wurden Autos gehandelt und in den ungepflegten Grünanlagen versteckten Händler ihr Drogendepot. Junge Erwachsene, gefangen in einer Welt zwischen strafenden Familienbünden und eigener Identität, gestalteten impulsiv und unkontrolliert ihre Siedlung nach ihren Ideen. Kampfhunde liefen herum und häufig wurde eingebrochen. Die Bewohner waren unter sich, manche furchtsam. Mehr und mehr Wohnungen standen leer – geballte Armut.

Dem Nachbarschaftshaus Urbanstraße ist es zu verdanken, dass man begann die Bewohner nach ihren Bedürfnissen zu fragen, förderte und mit sozialen Projekten einbezog. Wenige Zeit später startete dann auch ein „Runder Tisch“, an den sich Vertreter und Eigentümer der Düttmann-Siedlung, der Senat für Stadtentwicklung und Umwelt, das zuständige Bezirksamt und Förderinstitute setzten – für einen Neuanfang: Die Siedlung wurde 2005 zum Quartiersmanagment-Gebiet erklärt und die Senatsverwaltung stellte die Wohnanlage vom Zwang der WBS-Berechtigung frei; Kredite der Eigentümer der Siedlung mussten nicht an die Bank zurückgezahlt werden, sofern sie in die Sanierung investiert wurden. Große Familienverbände zogen aus, Wohnungen wurden renoviert, Treppenhäuser und Aufzüge saniert, Satellitenschalen verboten, die Spielplätze gemacht, Wege und Müllstandort neu hergerichtet und der Imagewechsel begleitet von der Werbekampagne: „Wir sind Dütti“.

Aber darauf weist der Hausmeister Frank Wegener nicht hin. Wichtiger ist der Nachbarschaftstreff auf dem Werner-Düttmann-Platz, dem Zentrum der Siedlung. Ehemals eine leerstehende Kneipe beherbergt sie nun seit über zehn Jahren, mietfrei für das leitende Quartiersmanagment, einen Treffpunkt für alle Bewohner der Siedlung, an dessen Eingangstür „Willkommen“ in fünf Sprachen zu lesen ist. Hier treffen sich die Bewohner zu Gesprächsrunden und nutzen die sozialen Angebote, von der Ämterbegleitung bis zur Hausaufgabenhilfe. Regelmäßig gibt es Mädchen-, Frauen-, Väter, Familien- und Nachbartreffs und auch ein Bewohnercafé. Probleme werden gemeinsam gelöst. Auch Geburtstage und Feste werden hier gefeiert und zusammen Weihnachtslieder gesungen und zum Zuckerfest Süßigkeiten gegessen.

Eins der heutigen Themen im Nachbarschaftstreff ist der Garten- und Balkon-Wettbewerb. Die Bewohner nehmen gern teil. Wollen auch sonst nicht mehr wegziehen. Warum auch? Und auch Frank meint lächelnd, er habe sich inzwischen gut integriert.

Text & Artikelfoto: © Christina Praus

 

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