Corona-Lösungsansatz: Fremdenhass oder Solidarität?

Weltkarte CC0 via pixabay
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„Letztendlich ist es sehr dumm, nur mit der Pest zu leben. Ein Mensch muss natürlich kämpfen […]. Aber wenn es damit endet, dass er sonst nichts mehr liebt, wofür ist dann das Kämpfen gut?“- Albert Camus, „Die Pest“

Der 60. Todestag von Albert Camus lenkt die öffentliche Aufmerksamkeit wieder auf seine Werke und sein Leben. Sein literarisches Werk „Die Pest“ ist nicht zuletzt aufgrund der vorherrschenden Coronavirus-Pandemie heißbegehrt und weltweit ausverkauft. In dem Erfolgsroman kämpfen unterschiedliche Charaktere in einer schier ausweglosen Krise ums Überleben, da in der abgeschotteten Stadt „Oran“ eine Pestseuche um sich greift, die tausende Todesopfer fordert. Viele Leser empfinden die Vorgehensweisen der Romanfiguren als Inspiration zum Kampf gegen den heutigen Coronavirus.

Mittelalter: Der Schwarze Tod und „die Schuldigen“

Bereits im 14. Jahrhundert führte die Pest in Europa zu einer der katastrophalsten Pandemien der Menschheitsgeschichte. Eine erschreckende Anzahl von 25 Millionen Menschen, also ein Drittel der damaligen europäischen Bevölkerung, ist dem Schwarzen Tod zum Opfer gefallen. Doch die verheerende Seuche führte zu einer weiteren Tragödie. Vor dem Hintergrund des bereits vorherrschenden Antisemitismus wurde das Gerücht verbreitet, dass die Juden die Epidemie durch Brunnenvergiftungen verursacht hätten. Viele Bürger akzeptierten diese unbegründeten Behauptungen, vermutlich auch aus Angst vor einer noch stärkeren Ausbreitung, sodass es zu einer blutigen Judenverfolgung kam.

„Zwischen 1348 und 1349 sind alle Juden, die zwischen Köln und Österreich lebten, auf dem Scheiterhaufen verbrannt oder anderweitig ermordet worden“ erklärte Heinrich Truchsess von Diessenhofen in seinen Aufzeichnungen, ein zu dieser Zeit lebender Kleriker aus Konstanz. Laut Historikern galten die gewaltsamen Ausschreitungen damals als größte Tragödie der jüdischen Gemeinschaft, bis es letztendlich zum Holocaust durch das NS-Regime kam.

Heute: Wer sind „die Schuldigen“ für COVID-19?

Doch gibt es auch in der heutigen Zeit von COVID-19 bestimmte Menschengruppen, denen die Schuld für die Pandemie zugeschoben wird und die dadurch zum Opfer von Fremdenhass werden? Seit seinem Ausbruch in Wuhan breitet sich der Coronavirus rasant aus und die Todeszahl steigt kontinuierlich an. Gleichzeitig kommt es vermehrt zu Diskriminierungen gegenüber asiatischen Bürgern. So sprach die französische Tageszeitung „Le Courrier Picard“ im Hinblick auf China vom „gelben Alarm“ und immer häufiger tauchen Meldungen auf, bei denen Menschen asiatischer Herkunft z.B. „als wandelnder Virus behandelt“ oder „körperlich bedroht“ werden. Anfang März wurde ein Student aus Singapur in der Londoner Innenstadt zum Opfer einer Körperverletzung, wobei er einen der Täter rufen hörte: „Ich möchte deinen Coronavirus nicht in meinem Land haben.“

Bemerkenswert ist jedoch, dass manche asiatische Länder Präventionsmaßnahmen entwickelt haben, an denen wir uns in Europa ein Beispiel nehmen können. So wurden z. B. in ganz Südkorea Drive-Through-Testzentren und eine Smartphone-App für das Tracking von Infektionsfällen eingerichtet. Dennoch zählt das Land auf der koreanischen Halbinsel nach wie vor zu den von COVID-19 am stärksten betroffenen Ländern. Besonders auffällig: Von den insgesamt 8.565 bestätigten Patienten wurden 6.241 alleine in der Stadt Daegu festgestellt (72,9% des Gesamtanteils, Stand: 19. März).

Der brisante Fall Shincheonji: Anschuldigungen und Wendepunkt

Dieser außergewöhnlich hohe Anteil wird insbesondere auf die 31. Patientin zurückgeführt, die am 22. Februar den Gottesdienst der Shincheonji-Kirche besuchte, und daraufhin öffentlich als „Super-Spreader“ bezeichnet wurde. Um eine weitere Ausbreitung zu verhindern, wurden alle bestätigten Patienten in Behandlung gebracht und unter Quarantäne gestellt, während die Shincheonji-Kirche alle Versammlungen und Gottesdienste mit sofortiger Wirkung abgesagt und eine Auflistung aller ihrer Mitglieder übergeben hat.

Dennoch führte der Vorfall dazu, dass die Kirche als Ursache für den Virus gebrandmarkt und der Vorsitzende sogar des Mordes beschuldigt worden ist, da er seiner Mitwirkungspflicht nicht nachgekommen sei. Hinzu kam, dass die Mitgliederliste geleakt wurde, woraufhin viele Mitglieder am Arbeitsplatz oder in ihren Familien zum Opfer von Diskriminierungen geworden sind. Zwei Frauen, die den heftigen Vorwürfen ihrer Ehemänner ausgesetzt waren, haben sich letztendlich sogar das Leben genommen (siehe Breitbart-News am 12. März).

Doch am 5. März veranlasste die koreanische Staatsanwaltschaft eine Untersuchung der Kirche, bei der entgegen aller Erwartungen festgestellt wurde, dass sie alle benötigten Informationen zur Verfügung gestellt hat und somit kein vorsätzlicher Verstoß gegen ihre Mitwirkungspflicht besteht (siehe The Korea Herald am 17. März). Doch für eine Entschuldigung ist es nun zumindest bei den zwei Frauen, die sich beide von Hochhäusern gestürzt haben, zu spät.

Den Virus gemeinsam überwinden

Dass „die Pest“ letztendlich nicht durch Fremdenhass, sondern nur durch Solidarität und Zusammenarbeit überwunden werden kann, war nicht nur ein Appell von Albert Camus. Gleichermaßen sind sich viele Experten aus verschiedenen Ländern darüber einig, dass wir einen Sinn für Gemeinschaft und Solidarität benötigen, um den Coronavirus erfolgreich zu bekämpfen.

Am 5. März verkündigte der Vorsitzende der südkoreanischen Menschenrechtskommission Choi Young Ae: „Dadurch, dass unsere Gesellschaft vermehrt gegen Fremdenhass aufruft, wird deutlich, dass sie in der Lage ist, auf dieses Problem angemessen zu reagieren, anstatt es stillschweigend hinzunehmen. Wir hoffen darauf, dass wir diese schwierige Zeit durch Brüderlichkeit und Solidarität überstehen können, ohne bestimmte Menschengruppen zu diskriminieren oder auszugrenzen.“

Am 2. März zählte das Wall Street Journal unter den Risikofaktoren von COVID-19 auch den Mangel an sozialer Solidarität auf. Doch wird diese nicht vielmehr für eine globale Entschärfung der Krise benötigt?

Eine Impfung gegen den Coronavirus wird sicherlich entwickelt werden, doch auch der Hass bedarf einer Lösung. Aus diesem Grunde war es eines der Hauptanliegen von Albert Camus, durch „Die Pest“ den Menschen die lebensnotwendige Bedeutung der Solidarität und der Freundschaft zu vermitteln.

Bildnachweis: CC0 via pixbay.com

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