Familienministerin Giffey, Kinderschutzbund und HanseMerkur zeichnen Projekte aus

Ende Oktober wurden die HanseMerkur-Preise für Kinderschutz zum 39. Mal vergeben. Erstmals seit 1981 geschieht dies jedoch coronabedingt nicht als Festveranstaltung in Hamburg sondern in Form eines Films. Ein einstündiges Videodokument, die „Pandemic Edition“, dokumentiert die fünf Preisverleihungen im kleinen Kreis nach den AHA-Regeln, die zwischen Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz in den vergangenen Wochen stattgefunden haben. Es kann hier abgerufen werden.

Zum virtuellen Ehrungsreigen hat Schirmherrin Franziska Giffey, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, ein Interview beigesteuert, in dem sie sich an Stifter und Preisträger richtet. Die Laudationes auf die „ausgezeichneten“ Vereine und Initiativen hält Heinz Hilgers, Präsident des Kinderschutzbundes. Eberhard Sautter, Vorstandsvorsitzender der HanseMerkur, sagt anlässlich der dezentralen Vergabe des ältesten deutschen Sozialpreises für herausragende Kinder- und Jugendschutzarbeit: „Ich bin froh, dass wir doch noch einen Weg gefunden haben, jenen, die Kindern und Familien verlässlich zur Seite stehen, die Ehrungen zu überreichen. Denn 2020 als Jahr der Kontakteinschränkungen war kein gutes Jahr für Kinder. Weitgehend abgeschnitten von Bildung, von Freunden und Schulkameraden, von Großeltern oder getrennt lebenden Elternteilen, von Sportvereinen und Musikschulen, ging es vor allem um Verzicht. Auch ihre Eltern standen im Spannungsfeld zwischen Homeoffice und Homeschooling vor einer kaum zu leistenden Doppelbelastung.“

Der mit 20.000 Euro dotierte Hauptpreis geht an Berliner Projekt AMSCO

Psychische Erkrankungen Erwachsener zählen zu den großen Familiengeheimnissen. Dabei wachsen rund 3,8 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland mit mindestens einem psychisch erkrankten Elternteil auf. Sie fühlen sich verantwortlich für das Funktionieren des familiären Systems, übernehmen die Mutter- oder Vaterfunktion für ihre Geschwister, entwickeln Schuldgefühle, dass der instabile Elternteil nur eingeschränkt erziehungsfähig ist. Der freie Jugendhilfe-Träger AMSOC e.V. in Berlin sieht die betroffenen Kinder als Hochrisikogruppe, deren Versorgung nur unzureichend geregelt ist, da sie meist erst dann stattfindet, wenn das überforderte Kind bereits erkrankt und auffällig ist, wenn die familiäre Situation eskaliert oder wenn die Eltern in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden und sich niemand um die auf sich allein gestellten Minderjährigen kümmern kann.

Vor 15 Jahren hat die Ambulante Sozialpädagogik Charlottenburg e.V. daher in der Hauptstadt ein Programm ins Leben gerufen, das mit über 50 vermittelten ehrenamtlichen Patenschaften landesweit das größte seiner Art ist. Die Paten begleiten die Kinder als stabile und schützende Bezugspersonen bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr. Sie entlasten das Familiensystem, ermöglichen den Betroffenen ein seelisch gesundes Aufwachsen und erklären sich bereit, ihr Patenkind bis zu acht Wochen bei sich aufzunehmen, so dass eine Fremdunterbringung durch das Jugendamt, etwa bei stationärem Aufenthalt eines Elternteils, vermieden werden kann.

Drei Anerkennungspreise sind mit jeweils 10.000 Euro dotiert

1.      Vor 15 Jahren hat der Ortsverband des Deutschen Kinderschutzbundes in Radebeul bei Dresden den Inklusiven Kinder- und Jugendzirkus Sanro gegründet, wo rund 100 – auch geistig und körperbehinderte Kinder und Jugendliche – je nach ihrem individuellen Leistungsvermögen an bis zu vier Nachmittagen pro Woche von Ehrenamtlichen trainiert werden. Sie erarbeiten gemeinsam Zirkusprogramme, wo sie das gesamte Repertoire ihres Könnens von Trapez über Jonglage bis zu Luftakrobatik, Stelzenlauf und Feuerkünsten zeigen können. Im Rahmen der circensischen Arbeit werden ihnen neben sinnvoller und gesunder Freizeitgestaltung Selbstwirksamkeitserlebnisse ermöglicht. Und sie werden spielerisch in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und Sozialkompetenz gestärkt und gefördert.

2.      Philip Schlaffer hat eine 20-jährige Radikalisierungskarriere hinter sich, vertreibt indexierte Rechtsrock-CDs, gründet ein Klamotten-Label für Neonazi-Hooligans, baut in Wismar eine Werwolf-Kameradschaft auf, dann einen kriminellen Rocker-Motorradclub, bis er ab 2014 wegen Drogenhandels und Wohnungsprostitution eine 34-monatige Strafe in der JVA Stralsund absitzt. Noch im Strafvollzug macht er sich mit einem Psychologen auf die Suche nach seinem zweiten Leben, das ihn als Anti-Gewalttrainer in die Präventionsarbeit auch gegen politische Radikalisierung führt und 2017 den Verein Extremislos e.V. in Stockelsdorf bei Lübeck gründen lässt. Schlaffer geht in Brennpunktschulen, hält Vorträge, gibt Workshops und unterweist sogenannte „Unbeschulbare“ ohne Impulskontrolle in Kompetenztrainings. Er spricht ihre Sprache, hat Street Credibility und vermittelt den Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Werte Toleranz, Vielfalt, Gewaltfreiheit und Gleichwertigkeit aller Menschen.

3.       Seit 2015 begleitet die MUT Academy gGmbH mit rund 80 ehrenamtlichen MUTivator:innen Jugendliche aus 16 Hamburger Stadtteilschulen gegen Ende ihrer Schulzeit bei der Vorbereitung auf den Schulabschluss, beim Übergang in eine Ausbildung, an eine weiterführende Schule oder ins Freiwillige Soziale Jahr. Junge Menschen aus strukturschwachen Stadtteilen, die wegen mangelnder Unterstützung im privaten Umfeld, aus Angst vor Veränderungen, fehlendem Selbstbewusstsein oder Perspektivlosigkeit sonst den Weg in ein selbstbestimmtes Leben verpassen würden. Der Fokus von Angeboten wie MUT-Camps zur Berufsorientierung und Bewerbungstrainings, MUT-Machertagen und MUT-Proben zur Simulation einer Abschlussprüfung liegt auf der Persönlichkeitsentwicklung, auf Körpersprache, sicherem Auftreten und Selbstbewusstsein.

Sonderpreisträger 2019 ist CVJM Pfalz für nachhaltige Erlebnis- und Naturpädagogik

Über sein Programm „Nix wie raus auf Waldfühlung“ macht der CVJM-Pfalz e.V. für jährlich 2.500junge Menschen seit 2005 Angebote zu nachhaltiger Erlebnis- und Naturpädagogik. Der in der Region gut vernetzte Verein aus Otterberg im Biosphärenreservat Pfälzerwald-Nordvogesen führt mit Kindern und Jugendlichen aus einer kooperierenden Inklusions-Grundschule sowie Pfadfindergruppen Waldolympiaden, Outdoor-Kochen, Thementage zu Flora und Fauna oder einen Parcours der Sinne durch. So werden Neugier und Entdeckungsfreude geweckt, Kreativität und Phantasie angeregt, Körperwahrnehmung, Geschicklichkeit und Sozialverhalten geschult sowie die Wertschätzung für Natur und Schöpfung gelehrt.

Ausschreibung 2021

Parallel zur Preisverleihung endet die Ausschreibung für Bewerbungen um den HanseMerkur Preis für Kinderschutz 2020 am 31. Oktober 2020. Als Einsendungsschluss für die Ausschreibung um den HanseMerkur Preis für Kinderschutz 2021 hat die Jury den 30. September 2021 festgelegt.

Bildnachweis: CC0 via pixabay.com

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