Filmkritik zur Dokumentation „Alkohol – der globale Rausch“ von Andreas Pichler

Bier-Zukunftsmarkt-Afrika-Nigeria
Bier-Zukunftsmarkt-Afrika-Nigeria / Bildnachweis: © Tiberius Film / EIKON Filmproduktion & Miramonte Film, 2020

Nicht weniger als 2.500 Prostituierte hat der holländische Braukonzern Heineken in Nigeria angeheuert, um sein Bier im wahrsten Sinne des Wortes an den Mann zu bringen. Hintergrund: besonders Starkbieren, englisch Stout, geht in Afrika der Ruf voraus die Potenz zu steigern. Der lokale Geschäftsführer der Firma betrachtet es als eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten: die Damen des horizontalen Gewerbes haben mehr Kunden, der Mann hat schöne Stunden und der Umsatz des Konzerns steigt.

Keine Frage Alkohol ist auf dem Vormarsch weltweit und das große Wachstum Märkte für die Branche sind Afrika, China und Indien. Mit einem einzigen Werbe-Event erreicht der dänische Brauer Carlsberg in China 128 Millionen potenzielle Kunden wie ein Manager im Dokumentarfilm „Alkohol – der globale Rausch“ von Andreas Pichler verrät, der am Freitag in Berliner Kinos anlief.

„Aus kommerzieller Sicht ist das der Ort, wo man sein muss“, sagt Isidore Obot, Psychologe und Epidemiologe, Universität Uyo, Nigeria. Warum? „Afrika ist für die Alkoholindustrie interessant, weil sie niemand hier kontrolliert – und das in einem wachsenden Markt. Nigeria hat knapp 200 Millionen Einwohner.“ Alkohol ist die globale Droge wie Pichlers Film zeigt und für Europa das flüssige Gold, mit dem sich globale Märkte erobern lassen. Wichtig ist dabei die Vermarktung als Life-Style-Element und Lebenselixier.

Alkohol – Der Globale Rausch / © Tiberius Film / EIKON Filmproduktion & Miramonte Film, 2020

Die gilt besonders für Wein. „Egal ob China, Brasilien oder Nigeria – die Leute kaufen Wein nicht nur wegen des Produkts, sondern auch wegen des Images. Wein ist elegant, wird mit Essen kombiniert, einfach ein feines Produkt“, erklärt der Brüsseler Lobbyist Ignacio Sanchez Recarte, Generalsekretär des Commité Européen des Enterprises Vin (CEEV). Nicht weniger als 3 Millionen Arbeitsplätze hängen in Europa direkt oder indirekt an der Weinproduktion. 2017 haben EU Winzer Wein im Wert von 11,3 Milliarden Euro exportiert. Das entspricht einem Handelsüberschuss von 9 Milliarden Euro. „Wirtschaftlich gesehen ist der Weinsektor der wertvollste Exportmarkt der EU im Bereich Agrar- und Lebensmittel“, urteilt der Generalsekretär der Weinlobby.

„Alkohol ist dein Sanitäter in der Not, Alkohol ist dein Fallschirm und dein Rettungsboot“, singt Herbert Grönemeyer. „Alkohol ist das Boot, mit dem Du untergehst“, ist jedoch das bittere Ende. Es bietet keine Rettung. Alkohol: Kein Stoff der Welt ist uns so vertraut und in seiner Wirkung so unglaublich vielfältig. Doch kaum jemand bezeichnet Alkohol trotz seiner psychoaktiven und Zellen zerstörenden Wirkung als Droge. Aber warum lassen wir den Tod von jährlich drei Millionen Menschen zu?

„Alkohol ist eine wunderbar clevere Droge“, erklärt der Pharmakologe David Nutt, vom Imperial College in London. Nutt war Berater der britischen Regierung und erstellte eine Studie zu den Risiken und Kosten für die Gesellschaft, die von verschiedenen Drogen ausgeht. Fazit nach fünfjähriger wissenschaftlicher Arbeit: Alkohol ist die gefährlichste Droge überhaupt für den Einzelnen und die Gesellschaft. Fazit für Nutt? Er wurde gefeuert! Raphael Gaßmann von der Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen wundert das nicht. „Der Begriff Droge wird ausschließlich auf illegale Rauschmittel angewandt. Es wird auch benutzt, um der Alkoholgesellschaft zu versichern, wir haben kein Drogenproblem. Wir trinken nur Alkohol.“

Was Alkohol mit uns macht und wie stark die Industrie Gesellschaft und Politik beeinflusst zeigt der Film der Film von Andreas Pichler. Dabei erhebt er keinen Zeigefinger, wird aber die Trinkgewohnheiten jedes Zuschauers nachhaltig verändern. Fazit: Sehenswert!

Text: Christoph Ernesti / Bildnachweis: © Tiberius Film / EIKON Filmproduktion & Miramonte Film, 2020

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